125. Mindset Moment 07: Henning Fritz über Erfolgsdruck, Burnout und die Angst, vor anderen als Verlierer dazustehen.

Henning Fritz: Burnout nach dem Welthandballer-Titel

Wie der beste Torwart der Welt mit Erfolgsdruck, Ego-Kränkung und dem Weg zurück umging


Einleitung

Henning Fritz erlebte nach seinem Welthandballer Titel 2005 einen dramatischen Einbruch: Burnout, Leistungsverlust und die Degradierung zum dritten Torwart beim THW Kiel. In dieser Mindset Moment Episode spricht Reza Mehman mit dem ehemaligen Nationaltorhüter ueber den schmalen Grat zwischen absolutem Erfolg und totalem Zusammenbruch. Fritz beschreibt offen, wie das Gedankenkarussell ihn laehmte, sein Ego gekraenkt wurde und warum er keine Loesung fand, um aus der Abwaertsspirale herauszukommen. Die Episode zeigt eindrucksvoll, dass selbst Weltklasse Athleten nicht auf persoenliche Niederlagen vorbereitet werden. Fritz teilt wertvolle Erkenntnisse darueber, warum das Verteidigen eines Titels ein mentaler Fehler war und wie wichtig es ist, immer wieder zu den Basics zurueckzukehren. Ein Gespraech, das nicht nur Sportler, sondern auch Unternehmer und Fuehrungskraefte zum Nachdenken bringt.

Zusammenfassung

In einem Satz: Henning Fritz beschreibt, wie ihn der Druck nach dem Welthandballer Titel in ein Burnout trieb und warum der Wechsel vom Streben zum Verteidigen ein entscheidender mentaler Fehler war.

In drei Saetzen: Nach Jahren des stetigen Aufstiegs erreichte Henning Fritz 2004/2005 mit Europameistertitel, Olympia Silber und der Welthandballer Auszeichnung den absoluten Gipfel seiner Karriere. Doch statt weiter nach Verbesserung zu streben, verfiel er in eine Verteidigungshaltung, verlor Energie, Fokus und Emotionen und wurde beim THW Kiel zum dritten Torwart degradiert. Erst rueckblickend erkannte er, dass Regeneration, Basics und kleine Schritte der Schluessel zum Comeback gewesen waeren.

In fuenf Saetzen: Henning Fritz entwickelte sich ueber Jahre in kleinen Schritten zum besten Torwart der Welt und wurde 2005 als erster Torhueter zum Welthandballer gewaehlt. Doch auf dem Gipfel angekommen, wechselte sein Mindset vom Streben zum Verteidigen, was ihn mental laehmte. Er verlor die Faehigkeit, seine Reflexe, seinen Fokus und seine Emotionen im Spiel abzurufen. Die Degradierung zum dritten Torwart beim THW Kiel verletzte sein Ego und verstaerkte die Abwaertsspirale. Heute weiss Fritz, dass Regeneration, Grundlagenarbeit und das Setzen kleiner Ziele statt grosser Erwartungen der richtige Weg aus der Krise gewesen waeren.

Kontext: Wer, Was, Warum

Wer spricht: Reza Mehman (Host von Project Mindset) im Gespraech mit Henning Fritz, ehemaliger deutscher Handballnationaltorhüter, Europameister 2004, Olympia Silbermedaillengewinner 2004 und Welthandballer 2005.

Worum geht es: Fritz beschreibt seinen Weg vom absoluten Karrierehoch in ein Burnout, die emotionale Kraenkung durch den Statusverlust und die Erkenntnisse, die er daraus fuer sein heutiges Leben gewonnen hat.

Warum ist das relevant: Burnout, Erfolgsdruck und der Umgang mit Rueckschlaegen betreffen nicht nur Spitzensportler, sondern jeden, der in seinem Bereich nach Hoechstleistung strebt. Fritz‘ Geschichte zeigt, wie fragil mentale Staerke sein kann und warum Grundlagenarbeit und Selbstfuersorge entscheidend sind.

Drei Kernfragen dieser Episode:

  • Warum fuehrt ein Wechsel vom Streben zum Verteidigen in eine mentale Sackgasse?
  • Wie geht man mit dem Verlust von Status und Leistungsfaehigkeit um, ohne in ein Gedankenkarussell zu geraten?
  • Welche Rolle spielen Basics und Regeneration bei der Praevention von Burnout?

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung – Worum es in dieser Mindset Moment Episode geht
  2. Zusammenfassung – Die Episode in einem, drei und fuenf Saetzen
  3. Kontext – Henning Fritz, seine Karriere und die Relevanz des Themas
  4. Themen und Einordnung – Die zentralen Themenbereiche im Ueberblick
  5. Kern-Aussagen – Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
  6. Haeufig gestellte Fragen – Antworten auf die wichtigsten Fragen
  7. Highlight-Zitate – Die praegendsten Aussagen von Henning Fritz
  8. Transkript – Das vollstaendige Gespraech zum Nachlesen
  9. Keywords – Relevante Suchbegriffe zur Episode
  10. Namen und Begriffe – Wichtige Personen, Orte und Fachbegriffe
  11. Zitierfaehige Passage – Zum Teilen und Zitieren

Themen und Einordnung

Burnout im Spitzensport

Henning Fritz beschreibt, wie jahrelange Hoechstleistung ohne ausreichende Regeneration in einen koerperlichen und mentalen Zusammenbruch muendete. Sein Beispiel zeigt, dass Burnout auch die Besten treffen kann.

Keywords: Burnout Spitzensport, Regeneration Leistungssport, Uebertraining

Mindset: Streben vs. Verteidigen

Der entscheidende Wendepunkt in Fritz‘ Karriere war der mentale Wechsel vom Streben nach Verbesserung hin zum Verteidigen eines Titels. Diese Haltung laehmt, statt zu motivieren.

Keywords: Erfolgsdruck Mindset, Verteidigungshaltung, mentale Staerke

Ego und emotionale Kraenkung

Die Degradierung zum dritten Torwart verletzte Fritz‘ Ego zutiefst und verstaerkte die Abwaertsspirale. Er reflektiert ehrlich, wie das Ego sowohl Antrieb als auch Fallstrick sein kann.

Keywords: Ego Kraenkung, Statusverlust, emotionale Resilienz

Basics und Fundament als Schluessel

Rueckblickend erkennt Fritz, dass die Vernachlaessigung von Grundlagenausdauer, Kraft und mentaler Gesundheit sein Fundament bruechiig machte. Die Metapher des Hauses mit schwachem Fundament zieht sich durch seine Analyse.

Keywords: Grundlagen Training, Fundament Erfolg, Basics Leistungssport

Uebertragbarkeit auf das Geschaeftsleben

Reza Mehman zieht Parallelen zu seiner eigenen unternehmerischen Erfahrung. Die Prinzipien aus dem Spitzensport gelten ebenso fuer Unternehmer, die nach einem Hoch in eine Krise geraten.

Keywords: Unternehmertum Rueckschlag, Geschaeftsleben Mindset, Resilienz Unternehmer

Kern-Aussagen

  • Der Wechsel vom Streben nach Verbesserung hin zum Verteidigen eines Titels war ein entscheidender mentaler Fehler, der die Abwaertsspirale einleitete.
  • Burnout aeusserte sich bei Fritz durch den Verlust von Reflexen, Fokus und emotionaler Intensitaet, also genau den Faehigkeiten, die ihn zuvor ausgezeichnet hatten.
  • Die Degradierung zum dritten Torwart kraenkte sein Ego und verstaerkte das negative Gedankenkarussell, anstatt ihm neue Energie zu geben.
  • Fritz hatte zum Zeitpunkt der Krise kein Wissen ueber Regeneration, Grundlagentraining und mentale Gesundheit, das ihm haette helfen koennen.
  • Rueckblickend haette er sich eine Auszeit nehmen, die Basics staerken und in kleinen Schritten neu aufbauen sollen, statt sofort wieder Weltmeister werden zu wollen.
  • Die Erfolgsspirale nach oben hatte ihn nicht auf persoenliche Niederlagen vorbereitet, weil es sportlich bis dahin immer nur aufwaerts ging.
  • Euphorie und Erfolg koennen taeuschen: Wer auf der Welle schwimmt, vernachlaessigt oft Regeneration und Grundlagen.
  • Ein gewisses Ego ist notwendig, um an die Spitze zu kommen, aber dasselbe Ego kann in der Krise zum Gefaengnis werden.
  • Die Erfahrungen aus dem Spitzensport lassen sich direkt auf das Geschaeftsleben uebertragen: Nach einem ueberdurchschnittlich guten Jahr sollte man nicht erwarten, dass es automatisch so weitergeht.

Haeufig gestellte Fragen

Warum hatte Henning Fritz nach seinem groessten Erfolg ein Burnout?

Nach Jahren des stetigen Aufstiegs ohne ausreichende Regeneration erreichte Fritz 2004/2005 den Gipfel seiner Karriere. Der mentale Wechsel vom Streben zum Verteidigen, gepaart mit koerperlicher Erschoepfung und fehlender Grundlagenarbeit, fuehrte zum Zusammenbruch seiner Leistungsfaehigkeit.

Wie aeusserten sich die Burnout Symptome bei Henning Fritz?

Fritz verlor die Faehigkeit, seine Reflexe, seinen Fokus und seine emotionale Intensitaet im Spiel abzurufen. Genau die Qualitaeten, die ihn zum Welthandballer gemacht hatten, waren ploetzlich nicht mehr verfuegbar. Er beschreibt es als fehlende Energie von innen heraus.

Was meint Henning Fritz mit dem Fehler, etwas verteidigen zu wollen?

Nach der Welthandballer Auszeichnung hatte Fritz das Gefuehl, einen Titel verteidigen zu muessen, statt weiter nach individueller Verbesserung zu streben. Diese Verteidigungshaltung erzeugte Druck und Angst statt Motivation und Freude.

Warum wurde Henning Fritz zum dritten Torwart degradiert?

Da Fritz seine gewohnte Spitzenleistung nicht mehr abrufen konnte, holte der THW Kiel einen dritten Torwart. Fritz raeumt rueckblickend ein, dass diese Entscheidung der Verantwortlichen voellig nachvollziehbar war, auch wenn sie ihn emotional schwer traf.

Welche Rolle spielt das Ego bei Burnout im Spitzensport?

Fritz erklaert, dass ein gewisses Ego notwendig ist, um an die Spitze zu kommen. Doch in der Krise wurde sein gekraenktes Ego zum emotionalen Gefaengnis, das ihn im negativen Gedankenkarussell festhielt, statt ihm neue Kraft zu geben.

Was wuerde Henning Fritz heute anders machen?

Heute wuerde er mehr auf Regeneration, Grundlagenausdauer und Kraft achten. Statt sofort wieder Weltmeister werden zu wollen, wuerde er in kleinen Schritten neu aufbauen und die Basics staerken, bevor er an die Spitze zurueckkehrt.

Lassen sich die Erkenntnisse von Henning Fritz auf das Geschaeftsleben uebertragen?

Ja. Reza Mehman zieht in der Episode direkte Parallelen zu seiner eigenen unternehmerischen Krise. Die Prinzipien gelten universell: Basics nicht vernachlaessigen, nach einem Hoch nicht blind weitermachen und nach Rueckschlaegen in kleinen Schritten wieder aufbauen.

Was ist ein Mindset Moment bei Project Mindset?

In den Mindset Moment Episoden greift Reza Mehman seine Lieblingsauszuege aus frueheren Gespraechen auf und beleuchtet sie nochmals gezielt. Das vollstaendige Gespraech mit Henning Fritz findet sich in Episode 56 von Project Mindset.

Highlight-Zitate

„In meinem Bewusstsein hatte ich jetzt etwas zu verteidigen. Also eigentlich vom Kopf her habe ich vielleicht da einen kleinen Fehler gemacht, da ich gesagt habe, ok, jetzt muss ich einen vermeintlichen Titel verteidigen, anstatt weiter nach etwas zu streben.“

– Henning Fritz

„Mir fehlte die Energie von innen Leistung zu bringen. Also was mich damals ausgezeichnet hat, war, dass ich mich in so ein Spiel richtig reinbeissen konnte, dass ich den Ball gut fokussieren konnte. Und das war mit einem nicht mehr moeglich.“

– Henning Fritz

„Ich war nur in diesem emotionalen Gefaengnis mehr oder weniger drinnen. Der kleine Henning ist beleidigt, das kleine Ego. Und das sind ja keine mentalen Zustaende, die dir wieder neue Kraft geben, sondern du haengst dann in diesem Gedankenkarussell fest.“

– Henning Fritz

„Ich habe ja nicht das Torwartspielen verlernt gehabt. Sondern es waere vielleicht in dem Fall notwendig gewesen, dass man wirklich sagt, okay, einfach runterfahren, regenerieren, Basics wieder staerken, mental dich wieder aufbauen.“

– Henning Fritz

„Die Begrifflichkeit kennt man ja auch wie das Haus, das Fundament, wenn das Fundament nicht gut ist, dann wenn oben Druck drauf kommt, dann bricht das zusammen.“

– Henning Fritz

„Bis dahin ging es fuer mich ja sportlich immer, die Linie ging immer in kleinen Schritten nach oben. Und ich war es nicht gewohnt, jetzt mit einer persoenlichen Niederlage umzugehen.“

– Henning Fritz

„Du brauchst ein gewisses Ego, um ueberhaupt dahin zu kommen und das Ego war, vielleicht war das Ego gekraenkt. Der kleine Henning, der da drin sitzt, der war gekraenkt.“

– Henning Fritz


Transkript

Das vollständige Gespräch

Aber was ich auch unglaublich toll bei dir finde, ist, du hast sehr transparent auch immer, ich sag jetzt mal nicht nur über die Höhen, sondern auch über die Tiefen gesprochen. Du hast zum Beispiel 2005 gesagt, du hattest Burnout-Symptome. Das hatte ich so mitbekommen gehabt. Wie kommt es, dass man in 2004 so erfolgreich ist und dann ein Jahr später quasi Symptome hat von einem Burnout? Ich weiß gar nicht, ob ich das richtig ausdrücke. Vielleicht kannst du darauf eingehen, wie das dazu gekommen ist. Also ich bin jetzt ja nicht der Torhüter gewesen, der mit 18, 19 Jahren schon der Top-Torwart war, sondern ich hatte ein Talent und hatte natürlich ein großes Interesse und Ehrgeiz, immer der Beste zu sein.

Und wenn ich die Karriere Revue passieren lasse, habe ich mich eigentlich von Jahr zu Jahr so in kleinen Schritten immer weiterentwickelt. Ich hatte Trainer, die mir die Möglichkeit gegeben haben, hochklassisch zu spielen, viele Spielanteile zu bekommen. Und das Jahr 2004 war im Endeffekt die Spitze. Also ich habe beim THW Kiel damals gespielt, einem Verein, der sehr erfolgreich war, wo die Ansprüche auch sehr groß waren, wo das Thema Regeneration nicht unbedingt im Vordergrund stand, sondern ich habe einfach viele Spielanteile gehabt und viel gespielt, wenig Pausen gehabt, aber bin getragen gewesen durch den Erfolg.

Also die Euphorie, du schwimmst auf so einer Erfolgswelle und dann brauchst du das auch alles nicht, diese Regeneration, weil du willst einfach immer weiter und so weiter und so fort. Du hast es angesprochen, 2004 Europameister. Ich bin in diesem Turnier als bester Torwart geehrt worden. Ein halbes Jahr später Olympia in Athen haben wir im Finale die Silbermedaille gewonnen. Auch da bin ich als bester Torwart geehrt worden. Und ein halbes Jahr später dann habe ich als erster Torwart die Ehrung zum Welthandballer bekommen und war jetzt gefühlt auf der absoluten Spitze.

Also bis dahin habe ich immer etwas angestrebt, besser zu werden und und und und gefühlt durch diese Ehrung stand ich jetzt ganz oben. Und in meinem Bewusstsein hatte ich jetzt etwas zu verteidigen. Also eigentlich vom Kopf her habe ich vielleicht da einen kleinen Fehler gemacht, da ich gesagt habe, ok, jetzt muss ich einen vermeintlichen Titel verteidigen, anstatt weiter nach etwas zu streben. So und das kann ein Punkt sein. Also es ist jetzt müßig zu sagen, woran hat es jetzt gelegen, weil ja das sehr komplexes Thema ist.

Und dann kam es tatsächlich dazu, dass ich nicht mehr in der Lage war, diese Leistung abzurufen. Also mir fehlte die Energie von innen Leistung zu bringen. Also was mich damals ausgezeichnet hat, war, dass ich mich in so ein Spiel richtig reinbeißen konnte, dass ich den Ball gut fokussieren konnte, also dass ich lange stehen konnte und mit einer kurzen schnellen Bewegung den Ball parieren kann. Ich glaube deine Reflexe waren quasi. Genau, ja die Reflexe. Und das mit einem ging verloren. Also Beweglichkeit, Fokussierung, die Emotionen.

Ich bin ja jemand gewesen, der sich sehr stark in so ein Spiel reinbeißen konnte. Und naja, mit den Top-Spielern der anderen Mannschaft dann so eine kleine verbale Duelle geführt habe, das zeichnete mein Spiel einfach aus. Und das war mit einem nicht mehr möglich. Und damit war das, was mich bis dahin stark gemacht hat, mir genommen. Und die Qualität, die dann noch da war, hat nicht ausgereicht, um auf absoluten Spitzenniveau zu spielen. Und man hat mich ja daran gemessen. Also nicht nur ich habe mich ja daran gemessen, sondern auch die Öffentlichkeit und sagte, ja jetzt hat ja die und die Titel.

Und mit einem ist das nicht mehr, will der jetzt nicht mehr. Oder dann, ich weiß ja nicht, wie die Öffentlichkeit dann denkt. Zumindest war so mein Denken, wie wirkt das in der Öffentlichkeit und und und. Und damit bist du in einem Gedankenkarussell, was dich nicht mehr, was nicht mehr optimistisch und positiv ist, sondern was dich lähmt. Die Gedanken kreisten dann nur noch vor jedem Training. So, denk daran heute, gib alles, sei positiv und und und. Was selbstverständlich bis dahin war. Zu jedem Training glaube ich nicht.

Ich habe alles gegeben. Da waren mir Tage gut, da waren mir vielleicht nicht so ganz positiv, aber du hattest dein Level. Und das habe ich dann verloren gehabt. Und damit war einfach diese absolute Spitzenleistung nicht mehr möglich. Das hat mich natürlich dann auch gekränkt und die Spirale, von der ich eben gesprochen habe, vom 18, 19 jährigen zum erfolgreichen Torwart, so ging diese Spirale jetzt langsam nach unten. Und das war natürlich sehr deprimierend, weil wie gesagt ich ja das eine oder andere jetzt mit mir getragen habe.

Welthandballer, diese Erfolge. Und der Verein auch erkannt hat, ja gut, der Henning kann diese Leistung nicht mehr abrufen. Da holen wir kurzfristig einen dritten Torwart dazu. So, mit einem war ich nur noch Nummer drei. Also was diese, dass du nicht mehr diese Leistung bringen kannst, ja noch verstärkt hat. Also erst mal hast du wenig Spielanteile. Dann, und ich glaube das ist ein ganz wichtiger Punkt, ist ja das Emotionale. Das ist ja eine Beleidigung, jetzt nur noch Nummer drei zu sein. Also nicht nur ausgewechselt zu werden, sondern gar nicht mehr zu spielen.

Fortsetzung

Und eigentlich nur noch zu trainieren und und und. Und das war eine sehr sehr harte Zeit. Warst du gekränkt dadurch? Ja, das war eine emotionale Kränkung. So habe ich das empfunden, weil nicht mehr zu spielen, das ist ja dein Lob oder das, wonach du dich sehst. Zu zeigen, was du kannst, das Publikum zu begeistern, das applaudiert, du gewinnst im Idealfall und und und. Das ist ja deine Genugtuung. Natürlich ist es ein Job und wir haben zu der Zeit natürlich auch gutes Geld verdient, gar keine Frage. Aber das ist ja nicht das, was sich antreibt, jeden Tag zum Training zu gehen, zum Spiel zu gehen und und und.

Das machst du vielleicht, wenn wir mal so von einem normalen Zyklus reden, drei Jahresverträge. Da geht es dann einmal um diesen Vertrag und wenn das erledigt ist, dann geht es nur darum, wie kann ich mich verbessern, um erfolgreich zu sein. Habe ich dich richtig verstanden, dass es im Grunde für dich einfacher war, vom Gedankengang her zu sagen, okay, ich will der Beste sein, der ich sein kann. Und dann, als es mal so weit war, war es für dich schwierig, das zu verteidigen, sozusagen. Es war einfacher.

Es war aus meiner Sicht der Fehler, überhaupt den Gedanken zu haben, was verteidigen zu müssen, weil das ja Quatsch ist. Sondern aus meiner heutigen Sicht würde ich so herangehen, wie kann ich mich weiter individuell verbessern, um so leistungsfähig zu sein, weil ich bin natürlich dann auch in den Alten langsam gekommen, Anfang 30, bestes Torwartalter. Aber es gilt, es galt und da war mein Bewusstsein und mein Wissen damals noch nicht so weit, da ich nur getrieben war und fast nur im Tor stand, wo ich heute sagen würde, achte mehr auf deine Basics, also Grundlagenausdauer, die du im Tor dann über die Saison auch verlierst.

Und dadurch, dass wir dann ja doch meist auch in den normalen Trainingseinheiten nur im Tor gestanden haben, gehen gewisse Basics einfach verloren. Du bist dann mit Sicherheit gut im Tor, aber du brauchst ja trotzdem deine Grundlagenausdauer, Kraft und so weiter und so fort. Und das Wissen hatte ich damals nicht. Wie gesagt, da bin ich heute glaube ich etwas schlauer und würde die Empfehlungen, ob jetzt jungen Torhütern oder jungen Sportlern geben, mehr auf die Basics zu achten, weil die Begrifflichkeit kennt man ja auch wie das Haus, das Fundament, wenn das Fundament nicht gut ist, dann wenn oben Druck drauf kommt, dann bricht das zusammen.

Und ich glaube, da würde ich heute auch einiges anders machen. Ich will jetzt auch nicht zu tief in die Wunde quasi reingreifen, aber du hast auch gemeint gehabt, das war ja, so ist verstanden, aber auch unangenehm, der dritte auf einmal, der dritte Torwart zu sein. War das ja sozusagen, ich sage es mal, peinlich hattest du irgendwie Befürchtung, dass deine bekannte Familie, Freunde dich irgendwie mit anderen Augen sehen? Nein, das nicht, aber ich glaube schon, dass das auch ein bisschen mit Ego zu tun hat.

Also ich meine, du brauchst ein gewisses Ego, um überhaupt dahin zu kommen und das Ego war, vielleicht war das Ego gekränkt. Der kleine Henning, der da drin sitzt, der war gekränkt. Wie kann das jetzt sein? Ich meine, ich bin ja jetzt hier der Henning Fritz, Nationaltorhüter, habe das und das erreicht. Jetzt bin ich nur Nummer drei. Welthandballer. Genau, aus der Sicht der Verantwortlichen. Im Nachgang, wie man damit umgegangen ist, darüber kann man vielleicht diskutieren, aber rein, dass sie Entscheidungen treffen mussten, völlig nachvollziehbar.

Ich hatte aber damals keine Lösung, wie ich aus dieser Situation komme, wieder Leistung zu bringen. Sondern ich war nur in diesem emotionalen Gefängnis mehr oder weniger drinnen. Der kleine Henning ist beleidigt, das kleine Ego. Und das sind ja keine mentalen Zustände, die dir wieder neue Kraft geben, sondern du hängst dann in diesem Gedankenkarussell fest. Und ich hatte, wie gesagt, keine Ideen, wie ich kurzfristig da rauskomme. Ich habe ja nicht das Torwartspielen verlernt gehabt. Sondern es wäre vielleicht in dem Fall notwendig gewesen, wenn man es analysiert hätte, dass man wirklich sagt, okay, halbes, ja vielleicht nicht halbes Jahr raus, aber einfach runterfahren, regenerieren, Basics wieder stärken, mental dich wieder aufbauen, die Erfolge, die bis dahin waren, abhaken, nach vorne.

Wie komme ich da wieder hin? Also nicht wieder, wie werde ich jetzt Weltmeister? Sondern wie dann in kleinen Schritten anfangen, weißt du? Man hat dann gleich gedacht, wie werde ich Weltmeister? Das geht nicht. Du musst die kleinen Schritte wieder machen, die Basics, um dann da wieder hinzukommen. Und wie gesagt, das ist das Wissen heute deutlich weiter. Ich kann es absolut nachvollziehen, was du sagst. Ich habe es zwar nicht auf dem Level jetzt wie du gemacht, aber ich hatte damals auch eine Firma, die am Anfang ziemlich gut lief.

Und dann kam ein paar, ich sage es mal, nicht so gute Entscheidungen. Und dann war ich auf einmal vor so einem Scherbenhaufen, kann man sagen. Und es war auch für mich ganz schwierig, erst mal aus diesem Gedankenstrude wieder rauszukommen, mich wieder herauszuraffen, zu gucken, okay, hey, ich muss wieder Schritt für Schritt vorankommen. Und ich finde es sehr interessant, dass du gesagt hast, du hattest nicht im Kopf, sofort wieder Weltmeister zu werden, sondern du wolltest es wieder strukturiert langsam aufbauen.

Fortsetzung

Ja, das hatte ich damals vielleicht noch nicht. Heute würde ich das so sagen. Und ich glaube, es gehört einfach mit zum Leben dazu. Bis dahin ging es für mich ja sportlich immer, die Linie ging immer in kleinen Schritten nach oben. Weißt du? So und ich war es nicht gewohnt, jetzt mit einer, ich sage mal, persönlichen Niederlage umzugehen. Als kleiner Junge warst du es gewohnt, da hattest du ja noch nicht den Anspruch, da oben. Da wusstest du ja auch noch nicht, wie das da ist, da hinzukommen. Aber dadurch, dass die Linie so Schritt für Schritt nach oben kam und mit einmal kam jetzt ein Hammer, warst du völlig überfordert, weil da wirst du ja auch nicht darauf vorbereitet.

Und deswegen glaube ich, ist es egal, ob im Sport oder auch im Geschäftsleben die Basics, da ist es dann vielleicht weiter sich zu entwickeln, das Produkt zu verbessern und, und, und. So, wenn ich jetzt ein Jahr hatte, wo es übermäßig gut lief, nicht zu erwarten, dass das nächste genauso läuft. Ja, sondern wir sind ja von ganz vielen Dingen abhängig, ob als Unternehmer oder ich als Sportler. So, als Sportler wirst du älter. Wir wissen, dass der Körper sich, ich glaube, so alle sieben Jahre verändert.

Das Bewusstsein hatte ich damals nicht. Das geht immer weiter so, ja. So, und das sind Dinge, die einfach zum Leben mit dazu gehören. Und deswegen weiß ich es heute natürlich anders zu schätzen, als ich es damals hatte. Damals habe ich es vorausgesetzt, dass mein Körper funktioniert. So, heute sehe ich das anders und sage, okay, wir müssen da wieder an den Basics arbeiten, um eine gewisse Leistungsfähigkeit entweder zu konservieren und zu halten oder aber den Verfallen mit zunehmendem Alter etwas zu verlangsamen.

Du hast gerade einen sehr wichtigen Stichpunkt gesagt, etwas zu schätzen wissen. Jetzt von außen betrachtet, ich habe jetzt natürlich deine Karriere so ein bisschen verfolgt, habe noch nachgelesen, wann du wo warst und mir kam das so ein bisschen vor oder ich habe mir die Frage gestellt, 2005, als du, ich sage es mal so, die ersten Symptome, Burnout-Symptome hattest, warst du da trotzdem noch dankbar für die Karriere, die du vorher schon irgendwie erreicht hattest? Also Dankbarkeit ist bei mir im Project Mindset extrem wichtig, ich sage das als Kernthema.

Deswegen habe ich mich gefragt, wie bist du damals mit dem Thema Dankbarkeit umgegangen? Weil du hast da schon vieles erreicht gehabt. Dann ist man ja erstmal vielleicht auch dankbar, dass man das überhaupt hatte, überhaupt diese Perspektive auf etwas hatte. Also ich glaube, in der Zeit des professionellen Handballs war ich vielleicht noch nicht so reif und emotional, noch nicht so weit, dass ich diese Dankbarkeit, dass ich die gespürt habe, weil das war eher dieses, ich möchte weiter und mehr und mehr und mehr.

Heute, mit etwas Abstand, habe ich dazu natürlich eine hohe Dankbarkeit, dass ich meinen Traum leben durfte, dass ich mein Hobby zum Beruf machen durfte auf der einen Seite und, also nicht nur zum Beruf, sondern dass ich da auch so erfolgreich sein durfte, also in der Öffentlichkeit zu stehen, einen gewissen Bekanntheitsgrad zu haben, GR zu werden. Ich meine, das ist ja eine ganz tolle Sache und ein Traum. Darüber habe ich heute eine große Dankbarkeit und deswegen ist es mir auch wichtig, über diese Dinge, die vielleicht in der Öffentlichkeit eher verdeckt wären, also so wie ich sage, Burnout-Symptomen oder sowas, die gehören aber auch zum Leben mit dazu und deswegen rede ich darüber offen, weil ich glaube, dass es viele gibt, die ähnliche Symptome haben, aber oftmals dann sagen, ach Gott, vielleicht bin ich falsch oder so, jenes, dass das nicht stimmt.

Es gibt viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben. Jeder geht damit unterschiedlich um und es geht darum, die Menschen zu sensibilisieren und für sich eine Idee zu bekommen, Mensch, wo kann ich bei mir anfangen? Ja, weil wir sind ja immer schnell im Außen, also dass andere schuld sind an irgendeiner persönlichen Situation. Das war ich damals auch, dann war es der Trainer oder dies oder das, oder die Abwehr war nicht gut genug oder wie auch immer. Nein, wir müssen eigentlich immer, egal bei welchem Thema, immer erstmal bei uns anfangen.

Und da ist mein Bewusstsein heute, also auch da mit Abstand vom Handball, anders als damals. Ich glaube aber auch, dass der Handball, dass der Druck in dem Moment, dadurch, dass du ja in der Öffentlichkeit stehst, Medien und so weiter, der Druck so so groß ist, dass man dort immer erstmal schnell auf Abwehrhaltung ist und heute, wo ich diesen Druck nicht mehr habe und dieses Empfinden auch nicht mehr habe, deutlich entspannter damit umgehen kann, als ich es damals konnte. Es mag Athleten geben, die auch zu ihrer aktiven Zeit deutlich reflektierter sind und schon auch zu ihrer aktiven Zeit etwas förderlich ist, gar keine Frage.

Ich war das damals noch nicht. Ich glaube, dass ich vieles erst nach meiner Karriere bewusster mache und deswegen gerne versuche, darüber zu sprechen, um im Idealfeld präventiv, dass viele sich im Vorfeld schon mal darüber Gedanken machen und sensibilisieren bzw. auch für die Menschen, die im normalen Berufsleben sind, dass sie sagen, Mensch, den Sportlern geht es ja genauso. Ich kann ganz gut nachvollziehen, das Empfinden und ich spüre das bei mir auch, dass es Lösungen gibt. Es gibt immer Lösungen und wichtig ist, glaube ich, einfach Gespräche zu führen.

Fortsetzung

Deswegen reden wir auch darüber, dass es ein normaler Zustand ist, dass es manchmal auch, man merkt immer wieder, dass Menschen, die in einem gewissen Lebensabschnitt sind. Also wenn du mit dem 20-Jährigen über das Thema redest, der wird ja sagen, wovon redet der alte Mann? Redest du mit jemandem, ich sage mal, vielleicht mit Anfang, Mitte 30, der dann vielleicht schon 10 Jahre Berufsleben hinter sich hat, der dann Familie hat und, und, und. Das sind alles Dinge, die an uns ziehen. Verantwortung, Druck, also ich sage mal, Geld verdienen zu müssen, um Kredit und dies und jenes zu bezahlen.

Das ist Verantwortung, was das Leben nicht mehr so leicht macht wie mit 20. Und dieser Verantwortung müssen wir uns stellen und Lösungen finden und aber auch vielleicht in uns drinnen Lösungen finden, dass es nicht immer nur in diesem Mühlerad zu rennen, sondern dass wir auch mal zur Ruhe kommen müssen. Und das ist halt die große Herausforderung.

Dieses Transkript wurde automatisch mit Whisper KI erstellt und kann vereinzelt Fehler enthalten.


Keywords

Tags: Henning Fritz, Burnout, Welthandballer, Erfolgsdruck, Mindset, THW Kiel, Handball, Spitzensport, Resilienz, Ego, Gedankenkarussell, Regeneration, mentale Gesundheit, Leistungsdruck, Comeback

Namen und Begriffe

Henning Fritz, Reza Mehman, THW Kiel, Welthandballer, Europameisterschaft 2004, Olympische Spiele Athen 2004, Silbermedaille, Nationaltorhüter, Burnout, Regeneration, Grundlagenausdauer, Project Mindset, Mindset Moment, Episode 56

Zitierfaehige Passage

„Henning Fritz, Welthandballer 2005, beschreibt im Gespraech mit Reza Mehman, wie ihn der mentale Wechsel vom Streben zum Verteidigen in ein Burnout trieb.
Nach Europameistertitel, Olympia Silber und der hoechsten individuellen Auszeichnung im Handball verlor er Reflexe, Fokus und emotionale Intensitaet.
Die Degradierung zum dritten Torwart beim THW Kiel kraenkte sein Ego und verstaerkte die Abwaertsspirale.
Rueckblickend erkennt Fritz, dass Regeneration, Basics und kleine Schritte der Schluessel gewesen waeren, statt sofort wieder den naechsten grossen Titel anzustreben.
Seine Geschichte zeigt: Auch die Besten der Welt werden nicht auf persoenliche Niederlagen vorbereitet.“





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