Thomas Saueressig, SAP Vorstand und Reza Mehman im Interview über kritische Wirtschaftsthemen: Deutschland ohne Wachstum

Folge 190: SAP-Vorstand: „Sechs Jahre kein Wachstum in Deutschland“

Thomas Saueressig, Christine Rittner und Aline Moser im Klartext-Panel beim Dinner im Schloss 2026.

Es gibt diese Momente auf einer Bühne, in denen ein Panel kippt. Vom freundlichen Austausch in eine echte Lagebesprechung. Bei der fünften Ausgabe des Dinner im Schloss auf dem Heidelberger Schloss war so ein Moment.

Ich saß mit drei Menschen auf der Bühne, die das, was viele nur ahnen, beim Namen genannt haben:

  • Thomas Saueressig, Vorstandsmitglied der SAP
  • Christine Rittner, ehemaliges Lidl-Vorstandsmitglied, heute Investorin und Aufsichtsrätin
  • Aline Moser, Referentin des Heidelberger Oberbürgermeisters, verantwortlich für den Innovationsbereich

Was als Standortgespräch begann, wurde innerhalb weniger Minuten zur ehrlichsten Standortbestimmung, die ich seit Langem moderiert habe. Drei Sätze sind hängen geblieben. Sie umrahmen alles, was an diesem Abend gesagt wurde.


„Wir leben nicht in uncertain Times. Es ist extrem certain.“

Thomas Saueressig war Anfang des Jahres in Davos. Was er von dort mitgebracht hat, ist kein vager Eindruck, sondern eine klare Diagnose: Die Welt, in der wir alle groß geworden sind, gibt es nicht mehr. Globalisierung funktioniert anders. Multilaterale Abstimmungen funktionieren anders. Aktuell laufen 66 Konflikte parallel auf der Welt.

Und dann kam der Satz, der den Raum still gemacht hat:

„Wir haben seit sechs Jahren einen wirtschaftlichen Decline in Deutschland.“– Thomas Saueressig, Vorstand SAP

Saueressigs Rechnung dazu war nüchtern. Die offizielle Wachstumsprognose von 0,5 Prozent erklärt sich zu 0,3 Prozentpunkten aus zwei Feiertagen, die aufs Wochenende fallen, und zu einem Prozentpunkt aus staatlichen Investitionen. Das organische Wachstum tendiert gegen null.

Das ist die Diagnose. Dann kam die Forderung. Das Geschäftsmodell Deutschland muss sich ändern. Und zwar nicht über Kompromisse.

„Wenn wir sechs Jahre in Folge kein Wirtschaftswachstum haben und unseren Wohlstand halten wollen, wird das ein Spagat, der wird wehtun. Darüber muss man auch ehrlich miteinander kommunizieren.“– Thomas Saueressig, Vorstand SAP

Das ist ein ungewöhnlicher Satz für einen Konzernvorstand. Vor allem in dieser Direktheit.


„Das ist nicht einfach nur ein Unterschied. Das ist eine ganz andere Liga.“

Christine Rittner kennt beide Welten. 20 Jahre Lidl, davon viele auf Vorstandsebene. Heute investiert sie in Startups, sitzt in Aufsichtsräten, baut mit anderen ein Ökosystem in der Region.

Ihre Botschaft an den Saal war zweigeteilt.

Teil eins: die Zahl

In Deutschland werden pro Jahr rund 8 bis 10 Milliarden Euro in Startups investiert. In den USA sind es 180 bis 220 Milliarden. Das ist nicht ein Faktor. Das ist eine andere Welt.

Das Tückische daran: Die Gründungsphase funktioniert in Deutschland noch einigermaßen. Es gibt Business Angels, es gibt MVPs, es gibt erste Investments. Aber wenn ein Startup wachsen soll, wenn aus 30 Mitarbeitenden 300 werden, aus einem nationalen Player ein internationaler, dann wandert das Geld nach Westen. Und die Firma oft mit.

Teil zwei: der Appell

Rittner hat 20 Jahre in einem Konzern gearbeitet und in dieser ganzen Zeit mit keinem einzigen Startup zusammengearbeitet. Heute denkt sie: Was wäre möglich gewesen?

„Konzerne sollten mehr mit Startups arbeiten. Sie brauchen sich gegenseitig, um einfach innovativer und auch schneller zu werden.“– Christine Rittner, Investorin und Aufsichtsrätin

Konzerne sind keine Schnellboote, auch wenn sie es gerne wären. Sie sind Dampfer. Startups sind das Gegenteil. Beide brauchen einander. Und merken es zu selten.


„27 Anfragen für souveräne Clouds. Wie kriege ich Scale, wenn ich es 27 Mal teile?“

An dieser Stelle wurde Saueressig konkret. Und ungemütlich für Brüssel.

Die Europäische Union sagt gerne, sie habe 450 Millionen Bürger. Das stimmt. Was sie nicht hat: einen einheitlichen Wirtschaftsraum. Keinen einheitlichen digitalen Raum. Stattdessen 27 Mitgliedstaaten mit eigenen Interpretationen, eigenen Behörden, eigenen Sonderwegen.

Für eine Firma wie SAP bedeutet das konkret:

  • Allein in Deutschland 18 verschiedene Datenschutzbeauftragte, die die DSGVO unterschiedlich auslegen
  • Drei parallele Regelwerke, die sich teilweise widersprechen: EU AI Act, EU Data Act, DSGVO
  • 27 nationale Anfragen nach „souveränen Clouds“

Saueressigs Beispiel: Ein Vertrag mit der BASF, 20 Kilometer von der SAP entfernt. Beide Unternehmen, gleiches Bundesland, gleicher Wirtschaftsraum. Der Vertrag dauerte ein halbes Jahr länger, weil sich die Datenschutzbeauftragten beider Häuser nicht auf eine einheitliche Auslegung des europäischen Datenschutzrechts einigen konnten.

Das ist keine Anekdote. Das ist Standortpolitik.


„Wir sind hier auf der Sunny Side of Life.“

Aline Moser brachte die kommunale Perspektive in den Raum. Aus dem Maschinenraum der Stadt heraus, als Referentin des Heidelberger Oberbürgermeisters und im Innovationsbereich tief vernetzt mit der Region. Und einen Begriff, den ich seither nicht aus dem Kopf bekomme: Sandbox City.

Heidelberg hat das vor Jahren bewusst entschieden. Innovationen werden nicht in PowerPoints diskutiert, sondern in der Stadt getestet. Aleph Alpha war so ein Moment, lange bevor ChatGPT existierte. Ein Gründer kam mit einer Idee. Die Stadt sagte: Probier es bei uns aus.

Heute geht es um Teledriving, um Large Language Models in der Verwaltung, um Innovationspartnerschaften mit Tallinn. Die Stadt versteht sich nicht mehr als reine Genehmigungsbehörde, sondern als Sparringspartner.

Und sie braucht es. Heidelberg hat in einem Doppelhaushalt 90 Millionen Euro weniger zur Verfügung. Nicht wegen neuer Ausgaben, sondern weil Bundeszuschüsse wegfallen und Gewerbesteuern wegbrechen. Spätestens an diesem Punkt wird klar: Sozialpolitik, Bildung und Kultur funktionieren nur, wenn die Wirtschaft funktioniert.

Mosers Antwort darauf heißt Sunny Valley. Eine regionale Initiative, die vor einem Jahr gestartet ist und ein internationales Startup-Ökosystem mit perspektivisch 200 Startups in der Metropolregion aufbauen will. Nicht als staatliches Förderprogramm, sondern als Einladung zum Mitgestalten. Wissenschaft, Konzerne, Mittelstand, Investoren, Stadt. Alle an einem Tisch.

Heidelberg hat Palo Alto als Partnerstadt. Das ist kein Zufall. Es ist eine Haltungsfrage.


KI als Beschleuniger, nicht als Apokalypse

Eine der spannendsten Wendungen im Panel kam, als ich Saueressig direkt auf die viel diskutierte „SaaS-Apokalypse“ angesprochen habe. Die These, dass Künstliche Intelligenz klassische Software-Konzerne in den nächsten Jahren zerlegen wird.

Seine Antwort: ruhig, sortiert, nicht defensiv.

SAP hat 440.000 Kunden weltweit. Diese Kunden produzieren mit SAP-Software Flugzeuge, Schuhe, Autos, Chemikalien. Die Software läuft in 160 Länderversionen, mit 65 Sprachen, mit der gesamten lokalen Regulatorik. Sie ist nicht „nice to have“. Sie ist die Grundlage, auf der diese Unternehmen überhaupt funktionieren.

Und genau hier kommt die KI-Pointe:

„KI basiert auf Daten. Wo werden denn die Daten generiert und gespeichert? In Business-Systemen. Um hochwertige KI-Szenarien zu bauen und Agenten zu bauen, brauche ich den Business-Kontext.“– Thomas Saueressig, Vorstand SAP

Für SAP heißt das: Die wertvollsten Daten der Wirtschaft liegen dort, wo geschäftskritische Prozesse laufen. Genau dort sitzt SAP. KI wird damit nicht zur Bedrohung, sondern zum Multiplikator. Die letzten Quartalszahlen, 27 Prozent Cloud-Wachstum und 25 Prozent Backlog-Wachstum auf 22 Milliarden, sind sein Argument an den Markt.

Das muss man nicht teilen. Aber es ist eine andere Logik als die übliche Aktien-Panik.


Der Satz, der am Ende blieb

Zum Schluss habe ich Saueressig die Frage gestellt, die ich am Anfang nicht stellen wollte: Was haben wir in Deutschland zuletzt nicht so gut gemacht?

Seine Antwort hat das Panel gerahmt.

„Wir machen uns in Deutschland manchmal zu klein für die Capabilities, die wir haben.“– Thomas Saueressig, Vorstand SAP

Stable Diffusion, die Software hinter dem Großteil aller KI-generierten Bilder weltweit, wurde an der LMU München von Professor Ommer entwickelt. Black Forest Labs in Freiburg generiert die Bilder, die auf X und Grok kursieren. Aleph Alpha kommt aus Heidelberg. SAP aus Walldorf.

Die Capabilities sind da. Was fehlt, ist Selbstbewusstsein.

Wenn ich diesen Abend in einem Gedanken zusammenfassen müsste, wäre es genau dieser. Die deutsche Wirtschaft hat kein Talentproblem. Sie hat ein Selbstbild-Problem. Und das ist, anders als ein BIP-Rückgang, eine Aufgabe, die wir selbst lösen können.


Was du mitnehmen kannst

Drei Beobachtungen, die ich seit dem Abend nicht loslasse:

  1. Die Standortdiagnose ist auf Vorstandsebene angekommen. Wenn ein SAP-Vorstand von „sechs Jahren Decline“ spricht, ist das keine Talkshow-Rhetorik. Es ist eine Bilanz.
  2. Das Kapital ist da. Es wird nur nicht aktiviert. Christine Rittners zentraler Hebel ist nicht „mehr Geld“, sondern bessere Bedingungen für Business Angels, Investitionszuschüsse, Verlustverrechnung. Politische Stellschrauben, keine Wunder.
  3. Die regionale Ebene ist der unterschätzte Hebel. Heidelberg, Tallinn, die Sunny-Valley-Initiative. Das sind keine Symbolprojekte. Das sind Sandkästen, in denen das Neue real getestet werden kann, bevor es scheitert.

Häufig gestellte Fragen

Wie geht es der deutschen Wirtschaft 2026 laut SAP-Vorstand Thomas Saueressig?

Laut Saueressig befindet sich Deutschland seit sechs Jahren in einem wirtschaftlichen Decline. Die offizielle Wachstumsprognose von 0,5 Prozent erklärt er maßgeblich durch zwei Feiertage am Wochenende (0,3 Prozentpunkte) und staatliche Investitionen (1 Prozentpunkt). Das organische Wirtschaftswachstum sei damit faktisch nicht vorhanden.

Wie groß ist die Kapital-Lücke zwischen deutschen und US-Startups?

Laut Christine Rittner werden in Deutschland rund 8 bis 10 Milliarden Euro pro Jahr in Startups investiert. In den USA sind es nach den im Panel genannten Zahlen rund 180 bis 220 Milliarden. Die Skalierungsphase deutscher Startups verlagert sich deshalb häufig in die USA.

Was kritisiert SAP an der EU-Regulatorik?

Saueressig nennt 18 verschiedene Datenschutzbeauftragte in Deutschland mit unterschiedlichen Interpretationen des europäischen Datenschutzrechts, sich überlappende Regelwerke wie EU AI Act, EU Data Act und DSGVO sowie 27 fragmentierte nationale Cloud-Anfragen. Daraus entstehe ein massives Skalierungsproblem im europäischen Binnenmarkt.

Was sagt SAP zur sogenannten SaaS-Apokalypse durch Künstliche Intelligenz?

SAP sieht KI nicht als Bedrohung, sondern als Beschleuniger. Da hochwertige KI-Anwendungen und Agenten Businessdaten und Prozesskontext benötigen und beides in SAP-Systemen liegt, erwartet das Unternehmen, dass KI die eigene Position langfristig stärkt. Die jüngsten Cloud-Wachstumszahlen (27 Prozent) und ein Backlog von 22 Milliarden Euro untermauern diese Position.

Was ist die Sunny-Valley-Initiative in Heidelberg?

Sunny Valley ist eine regionale Startup-Initiative, die vor rund einem Jahr in der Metropolregion Rhein-Neckar gestartet wurde. Ziel ist der Aufbau eines internationalen Startup-Ökosystems mit perspektivisch rund 200 Startups, getragen von Stadt, Wissenschaft, Wirtschaft, Investoren und Mittelstand.

Was bedeutet Sandbox City im Kontext Heidelberg?

Aline Moser, Referentin des Heidelberger Oberbürgermeisters, beschreibt Heidelberg als Sandbox City, in der Innovationen wie Teledriving, KI-Anwendungen oder Large Language Models unter realen Bedingungen getestet werden. Die Stadt versteht sich als Innovationspartner, der Testzonen bereitstellt und Prototyping ermöglicht.

Was ist das Dinner im Schloss?

Das Dinner im Schloss ist ein jährliches Premium-Networking-Event auf dem Heidelberger Schloss, organisiert von Reza Mehman. Die fünfte Ausgabe fand am 28. April 2026 statt und brachte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zusammen. Die sechste Ausgabe ist für den 27. April 2027 geplant.


Hören, weiterdenken, dabei sein

Die volle Folge erscheint diese Woche im Reza Mehman Podcast auf YouTube und überall, wo es Podcasts gibt.

Wenn du beim sechsten Dinner im Schloss am 27. April 2027 dabei sein willst: Die Earlybird-Tickets sind seit Kurzem verfügbar.

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Bis nächste Woche.

Reza

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