58. Gleiche Chancen für alle?! Im Gespräch mit Dr. Danyal Bayaz und Cawa Younosi!

Gleiche Chancen für alle? Bayaz & Younosi

Finanzminister Dr. Danyal Bayaz und SAP-Personalchef Cawa Younosi über Integration, Diversity und Chancengerechtigkeit in Deutschland.



Einleitung

Chancengleichheit und Integration sind zentrale Themen, die unsere Gesellschaft in Deutschland prägen und herausfordern. In dieser besonderen Folge von Project Mindset spricht Reza Mehman mit zwei herausragenden Persönlichkeiten: Dr. Danyal Bayaz, Finanzminister von Baden-Württemberg, und Cawa Younosi, Head of People bei SAP Deutschland. Beide kennen die Realitäten von Migration und Integration aus eigener Erfahrung und beleuchten das Thema aus den Perspektiven von Politik und Wirtschaft. Wie entkoppeln wir Bildungserfolg von der Herkunft der Eltern? Welche Rolle spielt Sprache bei der Integration? Und wie viel Chancengerechtigkeit gibt es wirklich in Deutschland? Diese Episode liefert ehrliche Einblicke, persönliche Geschichten und konkrete Impulse für eine Gesellschaft, in der es nicht entscheidend ist, wo man herkommt, sondern wo man hin möchte. Ein Gespräch, das Mut macht und zum Nachdenken anregt.


Zusammenfassung

In einem Satz: Dr. Danyal Bayaz und Cawa Younosi sprechen über ihre persönlichen Wege, Chancengleichheit in Deutschland und den Unterschied zwischen dem Versprechen und der Realität von Integration.

In drei Saetzen: Dr. Danyal Bayaz, Finanzminister Baden-Württembergs, und Cawa Younosi, Personalchef von SAP Deutschland, teilen ihre persoenlichen Erfahrungen als Menschen mit Migrationshintergrund in Spitzenpositionen. Beide betonen, dass Deutschland zwar formal Chancengleichheit bietet, aber zwischen diesem Versprechen und der gelebten Chancengerechtigkeit noch ein grosser Gap besteht. Das Gespraech beleuchtet Themen wie Diversitaet in Fuehrungsetagen, den Umgang mit Begriffen wie „Migrationshintergrund“ und die Frage, wie Bildungserfolg von der Herkunft entkoppelt werden kann.

In fuenf Saetzen: In dieser Folge von Project Mindset treffen mit Dr. Danyal Bayaz und Cawa Younosi zwei Vorbilder aufeinander, die aus unterschiedlichen Perspektiven ueber Integration und Diversity sprechen. Bayaz, dessen Vater aus der Tuerkei stammt, beschreibt seinen Weg vom politisch interessierten jungen Menschen zum Finanzminister und betont, dass Einwanderung positiv gedeutet werden muss. Younosi, der als junger Fluechtling nach Deutschland kam, spricht offen ueber „Herkunftsscham“ und die Bedeutung von Bildung und Netzwerken fuer den beruflichen Aufstieg. Beide diskutieren kritisch den Umgang mit Begriffen wie „Bio-Deutscher“ und „Migrationshintergrund“ sowie die Frage, wie Diversitaet in Unternehmen und Politik konkret gelebt wird. Das zentrale Fazit: Es braucht sowohl individuelle Anstrengung als auch strukturelle Veraenderungen, damit Chancengleichheit nicht nur auf dem Papier existiert.


Kontext: Wer, Was, Warum

Wer spricht? Reza Mehman (Host, Project Mindset) im Gespraech mit Dr. Danyal Bayaz, Finanzminister von Baden-Wuerttemberg (Buendnis 90/Die Gruenen), und Cawa Younosi, Head of People SAP Germany. Beide Gaeste haben einen Migrationshintergrund und stehen fuer erfolgreiche Integration in Spitzenpositionen.

Worum geht es? Das Gespraech dreht sich um Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit in Deutschland, die Rolle von Herkunft fuer Karriere und Bildungserfolg, Diversitaet in Politik und Wirtschaft sowie den persoenlichen Umgang mit Integration und kultureller Identitaet.

Warum ist das relevant? Deutschland ist ein Einwanderungsland, doch die Frage, wie gleichberechtigt Teilhabe tatsaechlich funktioniert, bleibt hochaktuell. Von der Wohnungssuche bis zur Vorstandsetage zeigen sich strukturelle Unterschiede, die ueber individuelle Erfahrungen hinausgehen. Das Gespraech verbindet persoenliche Perspektiven mit gesellschaftspolitischen Fragen.

Drei Kernfragen der Episode:

  • Wie koennen wir den Bildungserfolg von der Herkunft der Eltern entkoppeln?
  • Was ist der Unterschied zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit in der Realitaet?
  • Wie wird Diversitaet in Fuehrungspositionen in Politik und Wirtschaft tatsaechlich gelebt?

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung – Ueberblick ueber die Episode und ihre Gaeste
  2. Zusammenfassung – Das Wichtigste in Kuerze
  3. Kontext – Hintergrund zu Sprechern und Themen
  4. Inhaltsverzeichnis – Navigation durch den Beitrag
  5. Themen und Einordnung – Die zentralen Themenbereiche im Ueberblick
  6. Kern-Aussagen – Die wichtigsten Botschaften der Episode
  7. Haeufig gestellte Fragen – Antworten auf zentrale Fragen
  8. Highlight-Zitate – Die praegnantesten Aussagen der Gaeste
  9. Transkript – Vollstaendiges Gespraech zum Nachlesen
  10. Keywords – Relevante Suchbegriffe
  11. Namen und Begriffe – Verzeichnis wichtiger Referenzen
  12. Zitierfaehige Passage – Zum Teilen und Zitieren

Themen und Einordnung

1. Integration und Chancengerechtigkeit in Deutschland

Im Zentrum steht die Frage, ob Deutschland sein Versprechen der Chancengleichheit tatsaechlich einloest. Beide Gaeste berichten von persoenlichen Erfahrungen und strukturellen Huerden, die zwischen dem formalen Anspruch und der Realitaet liegen.

Keywords: Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Integration Deutschland

2. Sprache, Begriffe und gesellschaftliche Zugehörigkeit

Die Diskussion um Begriffe wie „Bio-Deutscher“, „Migrationshintergrund“ und inklusive Sprache zeigt, wie Sprache Zugehörigkeit definiert oder ausschliesst. Beide Gaeste reflektieren kritisch ueber den Umgang mit solchen Begrifflichkeiten.

Keywords: Migrationshintergrund, inklusive Sprache, Bio-Deutscher

3. Diversity in Fuehrungspositionen

Sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft ist Diversitaet in den Fuehrungsetagen noch ausbaufaehig. Cawa Younosi berichtet ueber SAPs Ansaetze, Danyal Bayaz ueber die politische Landschaft.

Keywords: Diversity Management, Fuehrungspositionen, SAP Diversity

4. Bildung als Schluessel zur Teilhabe

Bildungserfolg von der Herkunft der Eltern zu entkoppeln, wird als eine der zentralen Aufgaben identifiziert. Dies betrifft nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch sozial benachteiligte Familien.

Keywords: Bildungsgerechtigkeit, soziale Herkunft, Bildungserfolg

5. Persoenliche Geschichten und Vorbildfunktion

Die individuellen Biografien von Bayaz und Younosi zeigen, wie persoenliche Werte, Familienprägung und Mindset den Weg in Spitzenpositionen geebnet haben. Beide betonen die Bedeutung von Vorbildern fuer junge Menschen mit Migrationshintergrund.

Keywords: Vorbilder Migration, persoenliche Entwicklung, Mindset


Kern-Aussagen

  • Es ist nicht entscheidend, wo man in Deutschland herkommt, sondern wo man hin moechte. Das Grundgesetz garantiert allen Menschen gleiche Rechte und Freiheiten, unabhaengig von Herkunft oder Religion.
  • Zwischen dem formalen Anspruch auf Chancengleichheit und der tatsaechlichen Chancengerechtigkeit klafft in der Realitaet ein grosser Gap, etwa bei der Wohnungssuche oder in der Arbeitswelt.
  • Bildungserfolg muss von der Herkunft der Eltern entkoppelt werden. Das ist nicht nur eine soziale, sondern auch eine volkswirtschaftliche Frage.
  • Einwanderung muss als etwas Positives begriffen und kommuniziert werden, insbesondere angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkraeftemangels.
  • Begriffe wie „Bio-Deutscher“ oder „Migrationshintergrund“ koennen ausgrenzend wirken und sollten kritisch hinterfragt werden.
  • Diversitaet in Fuehrungspositionen ist sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft noch nicht ausreichend repraesentiert.
  • „Herkunftsscham“ ist ein reales Phaenomen, das viele Menschen mit Migrationshintergrund kennen. Es braucht Mut und Selbstbewusstsein, um diese zu ueberwinden.
  • Karrierewege sind nicht linear planbar. Netzwerke, Engagement und die Offenheit fuer unerwartete Gelegenheiten spielen eine entscheidende Rolle.
  • Unternehmen wie SAP setzen zunehmend auf Diversity und Inclusion, aber es bleibt noch viel zu tun, besonders in der ethnischen Diversitaet.
  • Jeder Mensch traegt Talente und Potenziale in sich, die es zu foerdern gilt. Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Haeufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit?

Chancengleichheit beschreibt den formalen Anspruch, dass alle Menschen die gleichen Rechte und Moeglichkeiten haben. Chancengerechtigkeit geht darueber hinaus und fragt, ob Menschen tatsaechlich die gleichen Voraussetzungen haben, diese Chancen zu nutzen. Wie Cawa Younosi in der Episode betont, gibt es zwischen beiden in der Realitaet einen grossen Gap, etwa bei der Wohnungssuche oder in der Arbeitswelt.

Warum ist die Entkopplung von Bildungserfolg und Herkunft so wichtig?

In Deutschland haengt der Bildungserfolg von Kindern noch immer stark von der Herkunft der Eltern ab. Dr. Danyal Bayaz betont, dass dies nicht nur ein soziales, sondern auch ein volkswirtschaftliches Problem ist: Ungenutzte Talente bedeuten fehlende Fachkraefte und entgangene Steuereinnahmen. Bildungsgerechtigkeit ist daher ein Schluesselfaktor fuer gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftliche Staerke.

Was bedeutet der Begriff „Bio-Deutscher“ und warum ist er problematisch?

Der Begriff „Bio-Deutscher“ wird umgangssprachlich verwendet, um Menschen ohne Migrationshintergrund zu bezeichnen. Er ist problematisch, weil „Bio“ positive Assoziationen wie „besser“ oder „hochwertiger“ weckt und damit implizit eine Hierarchie zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund schafft. Dr. Danyal Bayaz plaediert dafuer, solche Kategorisierungen zu hinterfragen.

Wie foerdert SAP Diversity und Integration im Unternehmen?

Laut Cawa Younosi setzt SAP auf verschiedene Massnahmen wie Diversity-Programme, inklusive Sprache in der Unternehmenskommunikation und die gezielte Foerderung von Vielfalt in Fuehrungsteams. Allerdings raeumt er ein, dass insbesondere die ethnische Diversitaet in den Management-Etagen noch ausbaufaehig ist und Unternehmen insgesamt noch einen weiten Weg vor sich haben.

Was ist „Herkunftsscham“ und wie kann man sie ueberwinden?

Herkunftsscham beschreibt das Gefuehl, sich fuer die eigene Herkunft, Kultur oder Familiengeschichte zu schaemen, insbesondere im Kontext von Migration. Cawa Younosi berichtet offen darueber und betont, dass es Mut und Selbstbewusstsein braucht, um die eigene Geschichte als Teil der Identitaet anzunehmen. Vorbilder und ein offenes gesellschaftliches Klima koennen dabei helfen.

Ist eine Karriere in Spitzenpositionen fuer Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland moeglich?

Ja, wie die Beispiele von Dr. Danyal Bayaz und Cawa Younosi zeigen, ist es moeglich. Allerdings betonen beide, dass der Weg nicht immer geradlinig ist und strukturelle Huerden existieren. Netzwerke, Bildung, Engagement und die Bereitschaft, Chancen zu ergreifen, spielen eine zentrale Rolle. Gleichzeitig muss die Gesellschaft strukturelle Barrieren abbauen.

Sollte der Begriff „Migrationshintergrund“ abgeschafft werden?

Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Dr. Danyal Bayaz weist darauf hin, dass der Begriff nach aktueller Definition auch Menschen umfasst, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Er plaediert dafuer, die Definition zu ueberdenken und den Fokus staerker darauf zu legen, wo Menschen hinmoechten, statt auf ihre Herkunft.

Wie gross ist der Haushalt von Baden-Wuerttemberg?

Der Jahreshaushalt des Landes Baden-Wuerttemberg umfasst laut Finanzminister Dr. Danyal Bayaz rund 57 Milliarden Euro. Diese Mittel werden unter anderem in Bildung, Polizei, Klimaschutz und die Zukunft junger Menschen investiert.


Highlight-Zitate

„Es ist nicht entscheidend in diesem Land, wo man herkommt, sondern wo man hin moechte.“

– Dr. Danyal Bayaz

„Zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit ist ein riesen Gap in der Realitaet.“

– Cawa Younosi

„Ich glaube, wir brauchen Quereinsteiger, wir brauchen auch Leute, die vielleicht noch nicht ihr ganzes Leben in der Politik verbracht haben.“

– Dr. Danyal Bayaz

„Karriere ist Koennen, Tuechtigkeit, Power und Zufall, Schicksal oder Glueck, je nachdem, woran man glaubt.“

– Cawa Younosi

„Wir muessen auch viel staerker dahin kommen, Einwanderung als etwas Positives zu begreifen, Migration positiv zu deuten.“

– Dr. Danyal Bayaz

„Bei jedem jungen Menschen gibt es Talente und Potenziale, die man einfach auch foerdern muss.“

– Dr. Danyal Bayaz

„Ich moechte, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo unsere Kinder unabhaengig davon, wo sie herkommen, die gleichen Chancen haben wie jeder andere Mensch auch.“

– Reza Mehman


Transkript

Das vollständige Gespräch

Hi zusammen und herzlich willkommen bei Project Mindset. Ich hatte ja bereits in der letzten Podcast-Folge angekündigt, dass ich ein ganz besonderes Interview führen durfte. Dieses Mal mit dem baden-württembergischen Finanzminister Dr. Daniel Bayers sowie dem SAP-Deutschland-Personalchef Kawa Yunusi. Es war ein super spannendes und interessantes Interview. Wir haben über das Thema Integration, Diversity und auch die persönlichen Geschichten von Daniel und Kawa gesprochen. Und dementsprechend bin ich echt happy, dass da wirklich eine super interessante Folge dabei rausgekommen ist.

Es war auch gar nicht so einfach, beide vor die Kamera zu bekommen. Dementsprechend bin ich ja ganz happy, dass das alles geklappt hat. Und ihr könnt entweder hier im Podcast direkt weiterhören oder auf meinem YouTube-Kanal habe ich ein kleines Video dazu gemacht bzw. auf www.projectmindset.de habe ich es auch nochmal verlinkt. So, nun genug geredet. Viel Spaß mit dem heutigen Podcast. Hi zusammen und herzlich willkommen bei Project Mindset. Heute geht es um ein ganz besonderes Thema, was mir sehr am Herzen liegt.

Und zwar, ich möchte nämlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo unsere Kinder unabhängig davon, wo sie herkommen, was für eine Religion sie betreiben, die gleichen Chancen haben wie jeder andere Mensch auch. Genau darüber möchte ich mit meinen beiden Gästen heute sprechen. Kommt einfach mal mit. Daniel Kawa, vielen lieben Dank für eure Zeit heute. Es bedeutet mir sehr viel, mit euch über das Thema zu sprechen. Nämlich über das Thema Integration und wie wir eigentlich in einer Gesellschaft miteinander leben wollen und was für eine Gesellschaft wir eigentlich für unsere Kinder eigentlich hinterlassen wollen.

Und in Vorbereitung auf dieses Gespräch habe ich gestern noch mit meinem Sohn darüber gesprochen, wen ich eigentlich heute als Gäste habe. Und dich habe ich so vorgestellt, dass ich gesagt habe, ich spreche mit jemandem, der kümmert sich um das Geld in unserem Bundesland, der verwaltet es, er spart ein bisschen, er gibt es aus. Und dementsprechend hat er eine ganz wichtige Rolle. Und er hat mir zwei Fragen gestellt, die ich eigentlich direkt weitergeben möchte. Er hat mich gefragt, wie wird man eigentlich Finanzminister?

Und wie viel Geld verwaltet er eigentlich? Das hat auch gepasst, weil wir auch gerade über das Thema sparen, so versuchen wir ihm was beizubringen. Deswegen direkt die Fragen an dich. Wie alt ist dein Sohn? Vier und halb. Vier und halb. Kinder stellen die härtesten Fragen im politischen Geschäft, habe ich immer wieder gemerkt. Also die eine kann man sehr einfach beantworten. Ein Jahreshaushalt im Land Baden-Württemberg hat roundabout 57 Milliarden Euro. Ich bin davon überzeugt, mit Geld kann man sehr viel Gutes machen.

Schule ausstatten, dafür zu sorgen, dass die Polizeigruß gut ausgestattet ist. In Klimaschutz investieren und vor allem auch in die Zukunft von deinem Sohn und vielen anderen jungen Menschen zu investieren. Das ist die Aufgabe, die wir haben. Ist in der Pandemie nicht immer ganz so einfach, weil uns die Steuereinnahmen auch weggebrochen sind. Und wir nehmen gerade sehr viel Geld in die Hand fürs Impfen, fürs Testen, für Wirtschaftshilfen. Aber ich hoffe, dass wir auch irgendwann das Kapitel hinter uns lassen können, um wieder auch mehr in die Zukunft und die strategischen Ziele uns widmen zu können.

Die andere Frage ist schon ein bisschen schwieriger zu beantworten. Man wacht ja nicht morgens auf und sagt, ich werde irgendwie Politiker. Und mein Ministerpräsident sagt das immer so schön, das Amt muss zu Manne oder zur Frau kommen. Und ich glaube, das Amt des Finanzministers ist eine große Aufgabe, eine große Verantwortung, der ich auch gerne nachkomme. Aber ich habe nie auf dem Reißbrett eine politische Karriere geplant. Ich komme aus einem politischen Haushalt. Mein Vater kommt aus der Türkei. Meine Mutter kommt aus einer katholischen, ja auch konservativen CDU-Familie.

Bei uns wurde also viel immer über Politik zu Hause diskutiert, gesprochen. Und ich bin ein politischer Mensch, aber ich bin relativ spät. Erst um die 20 Jahre mit Parteipolitik in Kontakt gekommen, habe mich ehrenanglich engagiert. Und irgendwann hat sich die Gelegenheit geboten, für den Deutschen Bundestag zu kandidieren. Ich war dort eine Legislatur im Bundestag und bin jetzt hier, nachdem mich der Ministerpräsident letztes Jahr gefragt hat, ob ich diese Aufgabe wahrnehmen möchte, in Stuttgart als Finanzminister.

Ich sehe das als ein großes Privileg, aber vor allem als eine große Verantwortung, der ich auch gerne nachkomme. Und ich glaube, das ist auch gut so, dass es keinen Automatismus gibt, zu dem man Politiker oder Politikerin wird, sondern ich glaube, wir brauchen Quereinsteiger, wir brauchen auch Leute, die vielleicht noch nicht ihr ganzes Leben in der Politik verbracht haben. Ich glaube, da bereichert die Politik, auch da ist Vielfalt, auch der Vielfalt an Hintergründen etwas sehr Wichtiges. Und wenn wir dafür sorgen, in Zukunft, dass wir noch mehr sozusagen auch Leute für die Politik gewinnen können, ehrenamtlich, aber auch hauenamtlich, dann bin ich sehr zuversichtlich, dass wir auch die Probleme der Zukunft gut anpacken können.

Fortsetzung

Sehr schön gesagt. Kawa, du hast einen ganz anderen Hintergrund, aber du bist mindestens genauso ein Vorbild wie Daniel auch für viele Jugendliche. Und ich denke auch, viele Jugendliche, gerade mit Migrationshintergrund, denken sich auch, wie kann ich eigentlich so eine Karriere wie Kawa machen? Du bist als junger Flüchtling hergekommen, bist jetzt, ich sage jetzt mal, karrieretechnisch sehr fortgeschritten. Daher die Frage, ist deine Karriere so einfach reproduzierbar, wenn sich jetzt ein Jugendlicher sagt, das möchte ich jetzt auch erreichen?

Nein, also ich entlüffle das Geheimnis, ich habe alles geerbt von meinem Vater. Nein, Karriere, sage ich immer, können, Tüchtigkeit, Power Boy, Zufall, Schicksal oder Glück, je nachdem, woran man glaubt. Wichtig ist natürlich, dass man die Ausbildung, egal ob man Handwerk macht oder Studium, je nachdem, was einem passt, wirklich mit voller Leidenschaft hinter sich bringt. Und Ziele, langfristig Ziele, wo man in welche Richtung man gehen will. Aber ansonsten sollte man sich eigentlich darauf verlassen, die richtigen Netzwerke zu haben, in der richtigen Umgebung, sich zu engagieren, sei es ehrenamtlich, sei es in Form von Praktika etc.

Und dann ergeben sich die Gelegenheiten. Also es ist unwahrscheinlich, dass man sagt, ich will Personalschef bei SAP werden und dann wird man das oder CEO. Sondern unterwegs ergeben sich auch vielleicht Opportunities, die man gar nicht auf den Blick hatte und die passen einem dann sogar noch besser. Ich bin arbeitsrechtlich gelandet. Ich hatte weder im arbeitsrechtlichen Studium gehabt noch habe ich mich dafür interessiert. In meinem letzten Station im Jurastudium bin ich arbeitsrechtlich bei der Deutschen Telekom gelandet und auf einmal habe ich festgestellt, wow, was für ein geiles Rissgebiet.

Habe ich komplett vernachlässigt. Und daraus hat sich der Riss quasi gegeben. Ich bin nicht mal andersweise im Kopf, dass ich überhaupt mit dem Konzern arbeiten darf und geschweige denn über Juristerei und arbeitsrecht hinaus. Das ist interessant. Du hast gerade Opportunities gesagt, also Möglichkeiten. Jetzt der Frage an dich, Daniel. Hat das Einfluss darauf, was für eine Karriere man ansteuern kann oder einfach nur kann in der Politik, wenn man einen ausländischen Namen vielleicht sogar hat? Ich frage auch, weil ich möchte natürlich auch, dass meine Kinder jetzt unabhängig von dem, wo ihre Eltern herkommen, also wo ich herkomme oder was für einen ausländisch klingenden Namen die haben, dass sie die gleichen Möglichkeiten haben wie jeder andere auch.

Wie sieht das bei dir aus? Unser Anspruch ist, dass das keine Rolle spielt. Ich glaube, es ist nicht entscheidend in diesem Land, wo man herkommt, sondern wo man hin möchte. Und unsere Verfassung, unser Grundgesetz sagt das ja auch und gibt auch unabhängig von Herkunft, von Religion, von kultureller Zugehörigkeit jedem auch alle Freiheiten und Möglichkeiten. Das heißt, das ist unser Anspruch und auf dem Blatt Papier stimmt das auch. Und wenn wir uns die politischen Realitäten anschauen, das gilt übrigens nicht nur für Politiker, das gehört für die Vielfalt in deutschen Vorstandsetagen, für die Vielfalt übrigens auch in wichtigen Institutionen, die den Staat ausmachen, die Polizei und andere Gebiete, da wissen wir, da können, da müssen wir insgesamt besser werden.

So und wir sind ein Einwanderungsland, wurde ja lange schon darüber gestritten, ist das Deutschland ja oder nein? Ich finde übrigens, wir müssen auch viel stärker dahin kommen, Einwanderung als etwas Positives zu begreifen, Migration positiv zu deuten. Übrigens angesichts auch unserer demografischen Entwicklung. Ich glaube Unternehmen wie die SAP ist angewiesen auf Top-Talente aus der ganzen Welt. Wir in Baden-Württemberg sind ein Exportland, also das auch wieder selbstverständlich vor uns herzutragen und zu leben, da werden wir schon einen Schritt weiter.

Und wir müssen auch schauen und ich glaube, dass die Zentrale und vielleicht die eine der wichtigsten Fragen, die wir auch politisch gerade lösen müssen, wie wir den Bildungserfolg von der Herkunft der Eltern entkoppeln können. Übrigens geht es da nicht nur um die Frage Migrationshintergrund, ja nein, das spielt auch eine Rolle, geht aber auch um die soziale Herkunft. Es gibt auch schon Familien, die schon sehr, sehr, sehr lange in Deutschland leben, aber aus sehr einfachen, zum Teil sozial schwierigen Verhältnissen haben, wo wir auch sehen, die Kinder machen nicht den Bildungserfolg, den sie eigentlich haben könnten.

Und ich bin mir davon überzeugt, weil ich regelmäßig auch Schulen besuche. Bei jedem jungen Mensch gibt es Talente und Potenziale, die man einfach auch fördern muss und darauf den Schwerpunkt zu liegen. Wenn wir das hinbekommen, dann glaube ich, dann sind wir auch ein, zwei Schritte bei der Frage, was hält eigentlich unsere Gesellschaft zusammen weiter und wie schöpfen wir auch die Talente und die Potenziale, die in unserer Gesellschaft schlummern, viel stärker aus. Das ist ja eine soziale Frage, ist aber auch eine volkswirtschaftliche Frage.

Wenn ein Unternehmen wie SAP sagt, wir würden eigentlich vielleicht gerne noch mehr Leute einstellen, aber wir finden die Fachkräfte nicht, ist es eine volkswirtschaftliche Frage. Übrigens auch im Sinne des Finanzministers, weil am Ende heißt das ja auch mehr Steuereinnahmen, die ich wieder habe, um beispielsweise ein gutes Bildungssystem zu investieren. Und das Verhältnis auch von einem starken Staat und einem starken Bildungssystem einerseits und auch den Möglichkeiten, gerade für junge Menschen in der Gesellschaft, andererseits das stärker zusammen zu denken, das ist schon ein wichtiges Anliegen.

Fortsetzung

Absolut. Mich wird auch eine andere Sache nochmal interessieren. Du hast grundlegend glaube ich davon gesprochen, das Thema Integration ist natürlich für uns die Messlatte. Wir wollen es für alle Menschen haben, das ist auch richtig. Und Integration fängt auch bei der Sprache an. Ich habe vor kurzem einen Podcast mit dir gehört, den fand ich super interessant. Und ich unterstelle jetzt keine bösen Absichten des Befragers, also des Podcasters. Aber er hat gemeint, ja Daniel, Sie sind ja kein Bio-Deutscher, sondern und so weiter und so fort.

Ich unterstelle da keine bösen Absichten. Aber wie gehst du mit solchen, ich sage jetzt mal Begrifflichkeiten um, die jetzt nicht gerade integrationsförderlich sind? Weil ich denke, Bio ist ja normalerweise so ein bisschen assoziiert mit etwas besserem, qualitativ gutem, etwas teurerem. Du hast aber quasi, du bist gar nicht darauf eingegangen, du hast deine Antwort dann gegeben. Aber wie gehst du persönlich mit solchen Kleinigkeiten im Alltag um, wo vielleicht doch nochmal klar gemacht wird? Da gibt es vielleicht einen kleinen Unterschied zwischen einem nicht-Bio-Deutschen, jetzt verwende ich es auch, und einem Bio-Deutschen.

Eine mega schwierige Frage. Und du hast ja nach Sprache gefragt. Also ich mache jetzt mal ein Beispiel. Als bekannt wurde, dass ich als Finanzminister nach Baden-Württemberg wechsle aus dem Deutschen Bundestag, habe ich in einer Tageszeitung und zwar in der Qualitätspresse gelesen, Kretschmann holt deutsch-türkischen Finanzminister. Wenn man jetzt mich nicht kennt, nicht zuordnen kann, und so ging es, und so geht es wahrscheinlich vielen Menschen, klingt es ja fast so, der hat da jemand aus Ankara hergeholt, der jetzt hier irgendwie mit aushilft.

Also sowas suggeriert natürlich falsche Eindrücke, und ich habe gesagt, hey, ich bin in Baden-Württemberg geboren, ich bin gebürtiger Heidelberger, ich komme aus Baden-Württemberg, ich kann auch Dialekt schwitzen, wenn es sein muss. Dass das die erste Kolonation ist in der Überschrift, ist ja schon irgendwie ein bisschen skurril zumindest. Ich kann das wegstecken, ich schwunzel da auch drüber, aber ich finde, was wir uns immer wieder vergegenwärtigen sollten, in der Sprache schafft ja auch Realität.

Und ich bin auch kein Freund von übertriebener political correctness. Wenn wir alle nur noch so sprechen, dass wir vorsichtig sind und man keine mehr auf die Füße treten möchte, dann haben wir nur noch solche Plastik-Sätze, und wir wissen gar nicht mehr, was meint der Reza eigentlich, was wollte er sagen. Aber, jetzt kommt das Aber, es kommt sehr stark auf den Kontext drauf an. Zum Beispiel jemand, der einen fragt, wo kommst du eigentlich her? Das kann wirklich ernst gemeintes Interesse sein, weil man sagt, ja vielleicht siehst du nicht aus, wie jemand, dessen Vorfahren schon seit 150 Jahren in Baden-Württemberg leben.

Es kann aber auch so gemeint sein, ich will erstmal deutlich machen, wer gehört eigentlich dazu und wer gehört nicht dazu. Und deswegen Sprache auch etwas ist, wo wir Fingerspitzengefühl brauchen und wo ich übrigens auch jeden Tag dazu lerne, weil auch Sprache im Gender-Bereich, im Diversity-Bereich ja auch Realität schafft, dass wir da schon auch sehr vorsichtig sind und auch empathisch miteinander umgehen. Und wenn einer vielleicht mir mal sagt, übrigens Bio-Deutsch oder ein anderes Wort, das ist nicht so nett, weil ich fühle mich so und so, dann finde ich es auch immer total okay, sich gleich nicht angegriffen zu fühlen, sondern zu sagen, hey, den Punkt nehme ich mit, da möchte ich mal drüber nachdenken, weil ich glaube, wir alle haben noch ein bisschen was, wo wir auch dazu lernen können.

Und wenn wir alle so mit offenen Augen auch durchs Leben gehen und auch immer sehen, wie geht es eigentlich dem anderen dabei, wenn ich den einen oder anderen Begriff benutze, dann sind wir glaube ich insgesamt einen Schritt weiter bei dem Thema Integration und auch Verständnis, was eine plurale Gesellschaft ausmacht. Du hast das sehr Tolles gesagt, Sprache schafft Realität. Und ich glaube, die SAP ist da super vorbildlich in diesem Bereich. Ich habe vor Kurzem mitbekommen, dass ihr zum Beispiel auch in der technischen Sprache die Begriffe Master und Slave zum Beispiel abgeschafft habt.

Kannst du ein bisschen darauf eingehen, Kaber, was macht eigentlich die SAP alles in diesem Umfeld? Ja, in Sachen Inklusion oder Inklusivkultur, das ist unser Kern-DNA, darüber identifizieren wir uns schon. Übrigens Bevor es mit dem Diversity Inclusion so ein Hype wurde, also Marketing mittlerweile zum Teil, schon seit seiner Gründung. Und dazu gehört auch, dass man die Menschen, die man im Unternehmen hat, auch entsprechend anspricht. Und auch, wie gesagt, wir haben Sprache angefangen, Thema Gender ist auch so ein Zeitsystema.

Wie gendert bei SAP also? Wir haben keine Leitlinie, keine Regel, wie ich natürlich gendere meine Person als Personalleiter, aber auch persönlich, weil ich alle möglichen inkludieren möchte. Aber es ist jetzt nicht vorgeschrieben, dass die Kolleginnen und Kollegen das auch machen müssen. Und so halte ich das auch für richtig. Jeder darf und kann gendern, wenn er oder sie es will, aber niemand muss es, wenn er es nicht unbedingt will. Und umgekehrt sollte man auch den anderen nicht vorschreiben, die die Gendern vorzuwerfen.

Fortsetzung

Warum die Gendern? Weil es manchmal ein bisschen die Diskussion schräg ist. Das soll natürlich nicht nur bei unserer internen Kommunikation enden, auch nicht bei unserem Marketing folieren und sonstiges, sondern auch in der Sprache, wie wir Dokumentationen machen, wie wir programmieren. Und da haben wir vor zwei Jahren, glaube ich, eine Initiative ergriffen, um all diese Begrifflichkeiten, die in Diskriminierung Hintergrund haben oder Assoziationen haben, die aus unserer Programmier-Sprache zu entfernen.

Also ich bin da total bei euch. Du hast gesagt, man darf natürlich nicht zu im Plastik so miteinander sprechen. Man muss schon klar und deutlich sagen, was man denkt. Ich denke aber, Sprache hat tatsächlich sehr, sehr viel Auswirkung. Ich gebe euch ein Beispiel. Ich habe vor kurzem die Definition des Begriffs Migrationshintergrund nochmal nachgeschlagen. Das hat mich nämlich interessiert. Haben meine Kinder noch Migrationshintergrund? Weil meine Eltern seit 36 Jahren schon in Deutschland sind. Ich bin seit meinem zweiten Lebensjahr hier in Deutschland.

Ich habe die deutsche Staatsangehörigkeit, bin mit meiner halbdeutsch, halb amerikanischen Frau verheiratet. Und trotzdem nach der Definition, eine Person hat Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt, haben meine Kinder also Migrationshintergrund. Ich finde das super interessant, dass obwohl jetzt quasi 40 Jahre vergangen sind, seitdem wir hier sind, immer noch meine Kinder zum Beispiel in dem Fall einen Migrationshintergrund haben.

Es wird mich interessieren, was das zum Beispiel aus der politischen Sicht, was für einen Sinn macht, diesen Begriff noch mitzuführen nach all diesen Jahren, wenn man schon hier in Deutschland ist. Zunächst einmal ist es ja eine statistische, demographische Beschreibung von der Gesellschaft. Und Menschen in, ich sage es jetzt mal ein bisschen flapsig, Schubladen zu packen. Die Reichen, die Armen, die Frauen, die Männer, die Bio-Deutschen, die Menschen mit Migrationshintergrund sind erstmal auch Schubladen, die wir irgendwie brauchen, um auch unsere Gesellschaft zu vermessen.

Und wir sehen übrigens diese Schublade mit den Menschen, wie dein Kind beispielsweise, die wird immer größer. Das zeigt, wie vielfältig die Gesellschaft ist. Wir merken aber auch, dass diese Schubladen manchmal nicht mehr passen. Und wenn diese Schubladen dazu führen, dass wir die einen diskriminieren oder ihnen das Gefühl geben, egal wie sehr du dich anstrengst, egal wie lange du schon hier bist, egal was dein Papa macht, du gehörst irgendwie am Ende doch nicht dazu, dann wird es ein Problem. Dann wird es ein Problem.

Es ist übrigens interessant, dass du diese statistische Definition noch mal erwähnt hast. Ich habe auch einen Sohn, der ist jetzt ein halbes Jahr alt. Ich bin Doppelstaatler. Ich habe eine türkische und eine deutsche Staatsbürgerschaft. Die Mama des Kindes, meine Partnerin, ist deutsch. Da wüsste ich jetzt gar nicht, hat er eigentlich den Migrationshintergrund oder nicht. Und ich glaube, das sollte ja das Ziel sein, dass im Laufe der Generationen das eigentlich gar keine Rolle mehr spielt. Deswegen sagte ich ja vorhin, ein positives Verhältnis zu Migration ist auch als Selbstverständlichkeit sehen.

Vielleicht nicht sogar als Selbstverständlichkeit, sondern vielleicht auch etwas Positives, was unsere Gesellschaft wirklich auch bereichert. Wenn wir dahin kommen an den Punkt und dann auch jemand fragt, woher kommst du oder woher kommen vielleicht auch deine Eltern, dann bin ich davon überzeugt, dann ist es auch ernst gemeintes Interesse, weil man die Person spannend findet und sagt, das ist Teil deiner Geschichte, Teil deiner Kultur, ich will das verstehen. Aber wir merken auch, das merkt man ja an der polarisierten Gesellschaft, die wir zum Teil ja leider auch erleben, da sind wir noch nicht.

Und der Aladdin al-Mafalani hat ein tolles Bild dafür gefunden. Der sagt, die deutsche Gesellschaft muss man sich als einen Tisch vorstellen, da sitzen die Menschen drum herum. Und im Laufe der Zeit, wir hatten jetzt ja 60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei, weil wir ja sehr viele Menschen türkischen Ursprungs haben oder türkeistämmige Menschen in Deutschland, immer mehr solche Menschen nehmen an diesem Tisch Platz. Und das ist etwas Positives, aber es erzeugt natürlich auch Spannungen, weil diese Menschen sagen, wir wollen mitreden, wir haben auch Anspruch, auch Marktfragen, auch Verteilungsfragen werden dort gestellt.

Und weil wir solche Fortschritte, beide Integration gemacht haben, werden die Konflikte sichtbarer, obwohl es eigentlich ein Zeichen von Fortschritt ist. Und das finde ich eigentlich ein sehr schönes Bild, immer mehr Menschen an diesem Tisch. Und wir müssen dafür arbeiten, dass es irgendwann Normalität ist und dass wir beide hier nicht mehr sitzen und es als etwas Besonderes empfinden müssen, dass man beispielsweise Vorstand oder Minister wird, sondern dass es einfach ein normaler Vorgang in einer normalen, bunten, vielfältigen Gesellschaft ist.

Fortsetzung

Aber zur Wahrheit gehört, da sind wir noch nicht, da arbeiten wir aber jeden Tag dran. Deswegen bin ich auch Optimist, ich habe den Eindruck, wir sind auf einem insgesamt guten Weg. Es gibt immer Rückschläge, aber insgesamt rüchten die Richtung stimmt. Absolut genau so, sehr schön gesagt. Vielen Dank, Kawa. Ich habe bei dir in einem anderen Kontext mal gehört gehabt, dass du eine Zeit lang so hast es Herkunftsscham genannt. Das fand ich sehr interessant, auf der einen Seite, auf der anderen Seite natürlich auch ein bisschen traurig.

Ich denke, ein paar der Zuhörerinnen und Zuhörer können sich bestimmt damit auch identifizieren, dass man vielleicht nicht so ganz so gerne sagt, wo man herkommt. Daher die Frage, wie hast du diesen Herkunftsscham überwunden und was kannst du allen Zuhörerinnen und Zuhörern mitgeben, wie sie es überwinden können? Ja, also in der Tat, ich habe vielen erzählt am Anfang, dass sie nicht aus Afghanistan gekommen sind, aus Kolumbien, weil schon vor Taliban, doch es waren Taliban, 1996 danach war das. Afghanistan hatte nie so einen so mega Ruf gehabt.

Und wenn man als Flüchtling ohne Eltern hier ist, auch noch so eine Herkunft hat und kaum Silzwertgefühlsel bewusst sein, da will man auch nicht nochmal reduziert werden als Wirtschaftsflüchtling. Und mit Taliban Vorurteile, die man hatte, auch noch das Richtfertigen, obwohl ich noch nie mal im Leben einen Taliban gesehen habe. Um diesen Diskussionen auf den Weg zu gehen, habe ich einfach gesagt, wir kommen aus Kolumbien. Kolumbien habe ich mir ausgesucht, weil ich habe gehofft, dass ich keinen Kolumbianer treffe zufälligerweise und dann nicht erklären muss, wo aus Kolumbien etc.

Einmal bin ich erwischt worden, ich habe bei Vodafone gearbeitet im Geschäft, da war ein Kolumbianer, da muss ich eine Geschichte einfallen lassen. Und das ist dann verschwunden, als ich dann angekommen bin, aber auch so weit mein Studium abgeschlossen hatte, dass ich dazu stehen konnte, dass das nicht mehr etwas war, was mich auch mit ausgemacht hat. Und das Thema mit dem Migrationshintergrund, was den Namen angeht, ist immer noch ein riesen Thema, gerade im Arbeitsleben. Vor kurzem habe ich im Handelsblatt auch dazu einen Kommentar abgegeben, ein neues Studie ist es immer noch.

Da macht es einen riesen Unterschied, ob ein Ali oder ein Kawa oder ein Reza sich bewirbt woanders, oder ein Michael oder ein Stefan-Vornamen, bzw. ein Nachnamen. Da erfahren die immer noch ganz enorme Diskriminierung und Benachteiligung. Deswegen ist wichtig das, was du gesagt hast, wir brauchen eine positive Vorbilder, dass man auch mit einem fremdklingelnden Namen nicht nur die negativen Sachen verbindet, denn genauso wie es negative Beispiele unter den Deutschen gibt, gibt es auch bei den Menschen mit Migrationshintergrund, damit man nicht die negative Vorurteile im Hinterkopf hat.

Und die gleiche Chance, wie du gesagt hast, für einen Sohn wie alle anderen auch. Aber davon sind wir leider immer noch weit entfernt. Interessanterweise habe ich ab und zu auch mal so eine Art Klischee-Denken. Also ich glaube, jeder von uns hat so ein bisschen Stereotypisierung im Kopf, Klischee-Denken. Über Iranern zum Beispiel weiß ich, wenn ich mich mit einem Iraner treffe, der kommt 15 Minuten zu spät, garantiert. Echt? Der Türke kommt 30 Minuten zu spät, wenn ich das mal sehr direkt sagen darf. Genau, also es gibt tatsächlich so, ich sag jetzt mal, so ein Klischee-Denken, das hat man im Kopf.

Und manchmal gibt es auch so eine Art, ich weiß nicht genau, wie ich es nennen soll, so umgekehrtes Klischee-Denken. Du hast gesagt, vorhin, wenn jemand fragt, wo kommst du her, dann kann es ein richtiges wahres Interesse sein, wo du wirklich herkommst, oder tatsächlich so ein bisschen ausgrenzend sein. Und manchmal habe ich es selber auch im Kopf gehabt, ich war vor einiger Zeit in einer ganz normalen Fahrzeugkontrolle, wurde ich angehalten, wurde gefragt, wo kommen sie her? Und ich dachte mir sofort, warum ist das jetzt relevant?

Ich so, ich komme aus dem Iran. Und dann hat die Polizistin gesagt, das ist schön für sie, aber wo kommen sie jetzt gerade her? Kommst du aus der Kneipe, hast du was getrunken? Ja genau, das war eigentlich Hintergrund der Frage. Also das heißt, da hattest du die Vorurteile im Kopf, dass sie vorurteilen, möglicherweise? Genau, da habe ich mich selber erwischt dabei. Und das hat mir sehr viel zu denken gegeben, dass ich in Zukunft… Aber du reflektierst es, das ist das Entscheidende. Absolut, weil ich fand es nicht schön, dass ich direkt Vorurteile gegenüber sie hatte.

Das fand ich auch nicht okay von mir, sondern ich habe mir auch vorgenommen, dann einfach offener damit umzugehen. Habt ihr auch zwischendurch mal so eine Art Vorurteile, nicht im negativen Kontext, aber gibt es auch so witzige Beispiele, wo ihr auch mal so etwas erlebt habt, wo ihr sagt, ja gut, das sehe ich genauso. Afghanen sind zum Beispiel so oder ich hatte auch einen Podcast vor kurzem mit jemandem gehabt, wo wir über Klischees gesprochen haben, da kommen eine ganze Menge auch witzige Klischees hoch.

Fortsetzung

Habt ihr so etwas ähnliches mal erlebt? Ja, also ich glaube, da kommt man nicht umhin. Wichtig ist aber, dass man sich bewusst ist, es sind Klischees. Also jedes Individuum ist anders, nur weil ein Iraner 15 Minuten zu spät kommt, heißt das nicht, dass man das bei allen machen sollte. Aber klar, ich glaube, so funktioniert unser Gehirn, ob es jetzt gemünzt ist auf kulturellen Backgrounds oder auf Schwaben hier, wie die angeblich ticken oder die Rheinländer etc. Man hat eine gewisse Vorstellung von diesem kulturellen Umfeld und das ist bei mir natürlich auch nicht anders.

Was für eine Frage, wo kommst du her? Also mir persönlich würde weniger was ausmachen, wenn man fragen würde, wo kommen denn Wurzeln her? Anstatt die Fragen, wo kommst du her? Weil das immer suggeriert, als würde ich irgendwo von außerhalb von Deutschland kommen. Okay, ich komme außerhalb von Deutschland, ich wurde woanders geboren, das ist dann bei dir zum Beispiel nicht der Fall, du hast ja die Wurzeln in anderen Ländern. Ich glaube, das sind so Sachen, die, wie du gesagt hast, auch manchmal haben manche auch einfach Neugierde, die haben nichts Böses im Kopf.

Aber dadurch, dass diese Fragen auch politisiert wurden und polarisiert im Menschen, wir sind auch empfindlicher geworden, ist glaube ich auch wichtig. Wenn wir als Betroffene auch den anderen noch ein bisschen Hilfestellung geben, wie es vielleicht weniger diskriminierend und ausgrenzend rüberkommt, wenn man so eine Frage stellen will. Nochmal zum Thema Kultur auch, weil ich es ja auch besonders interessant finde, wie viel Kultur ich zum Beispiel von meiner ursprünglichen Kultur meinen Kindern mitgeben möchte und wie viel Kultur ich natürlich hier, die deutsche Kultur, die ich sehr wertschätze, quasi auch gleich von Anfang an meinen Kindern mitgeben möchte.

Vielleicht ein kleines Beispiel, bei uns Iranern zum Beispiel sitzt man nicht mit dem Rücken zum Beispiel zu jemand anderem, wenn er gerade auch zu Besuch zu Hause ist. Das ist nicht so üblich einzuhalten unter Deutschen zum Beispiel, was überhaupt nicht schlimm ist, weil da gar keine schlechte Absicht dahinter ist, aber ich frage mich natürlich, wie viel Kultur gebe ich von meiner ursprünglichen Kultur mit und wie viel sage ich, nee, das müssen wir weglassen und hier uns vollkommen anpassen. Ich denke, anpassen ist sehr wichtig, aber kulturelle Vielfalt finde ich mindestens genauso wichtig.

Wie siehst du das zum Beispiel in der Erziehung deiner Kinder? Das ist eine gute Frage, ist auch eine schwierige Frage. Mir fällt es tatsächlich, wenn ich an mich selbst denke, manchmal auch schwer zu sagen, das ist jetzt die Kultur meines Vaters oder meiner Mutter. Meine Mutter kommt aus einem katholischen Haushalt, mein Vater ist Muslim. Das war für mich irgendwie eigentlich immer das Normalste der Welt und trotzdem kann ich, es war nie sehr trennscharf, dass wir trotzdem gemeinsam Weihnachten gefeiert haben, war das Normalste der Welt und dass es auch Weihnachten heißen soll auch in Zukunft und man es nicht umdeuten muss als Winterfest oder sowas, ist irgendwie selbstverständlich und ich glaube, nehme auch mal auch deinen Sohn oder deine Kinder, ich glaube, die werden es noch schwieriger haben, diese Linien trennscharf zu fahren.

Hinzu kommt, es kann SAP sicherlich auch ein Lied von singen, wir leben ja auch mittlerweile in einer globalen Gesellschaft, also Kultur wird ja mittlerweile global gelebt und wahrscheinlich hattest du heute schon auch eine Videokonferenz, wo die Kollegen aus den USA und China zugeschaltet waren, im Homeoffice, das heißt diese Kultur wird mittlerweile zu dir nach Hause irgendwie gebracht, also da tut sich ja glaube ich sozusagen ganz viel. Ich glaube, um jetzt nochmal politisch zu antworten und auch sehr ernst zu antworten, am Ende bin ich davon überzeugt, dass eine multiple, eine plurale Gesellschaft auch mit verschiedenen kulturellen Hintergründen uns bereichert, es wichtig ist, weil ja auch immer gleich die Frage kommt, wie hast du es mit der Religion und bist du eigentlich integrierbar, das ist für mich ganz klar die Antwort, wer die Werte unseres Grundgesetzes, Toleranz, die Würde des Menschen, Freiheit, Grundrechte, der Umgang mit Frauen und vieles andere, was unsere Gesellschaft hier ausmacht, wer sich daran hält, ist herzlich willkommen und wenn der eine eigene Kultur mitbringt, dann bereichert das unsere Gesellschaft, ich glaube auf so eine einfache Formel kann man das bringen und Kultur ist ja übrigens auch etwas, was man ja sehr gerne direkt erlebt, beispielsweise Essen, ich liebe übrigens auch persisches Essen, wenn ich das sagen darf, an der Stelle, auch das ist ja auch etwas, von dem wir alle etwas haben, was uns ja nicht nur kulturell bereichert, sondern von dem wir alle buchstäblich etwas haben, weil es macht halt auch, also Spätzle und Maultaschen sind lecker, aber sieben Tage die Woche, da würden sie uns irgendwann zu den Ohren raushängen, wenn ich es jetzt mal sehr einfach sagen darf, und ich glaube, dass auch wieder diese Vielfalt auch als Vielfalt zu begreifen und wertzuschätzen, wenn wir das in unserer Gesellschaft stärker verankert bekommen, dann sind wir wirklich einen Schritt nach vorne gegangen.

Das ist witzig, dass du persisches Essen sagst, weil hier ist auch wieder mit der Sprache etwas sehr Interessantes passiert. Ich hatte mal als Jugendlicher einen Freund von mir zu Gast zu Hause, meine Mutter hat gekocht gehabt, sehr lecker gekocht, mein Freund hat es gegessen und hat gesagt, ja schmeckt nicht schlecht. In der persischen Sprache das zu sagen, dass etwas nicht schlecht schmeckt, heißt auch nicht, dass es gut schmeckt, also auf die Art, und das war natürlich so eine kleine Beleidigung quasi gegen meine Mutter, aber dann habe ich dann natürlich erklärt, nein, bei einem Deutschen heißt es nicht schlecht, es schmeckt eigentlich sehr gut.

Also es ist ganz witzig. Du hast es auch gerettet. Ja, ja, ich habe es auf jeden Fall noch gerettet, genau. Ich wollte es aber auch noch mal auf das Thema Diversity ansprechen. Du hast vorhin ein bisschen darüber gesprochen gehabt. Unternehmen wie die SAP, die setzen sehr stark auf das Thema Diversity. Wie weit siehst du es aber repräsentiert zum Beispiel in den Management-Teams von der SAP? Ja, in der Tat, wir haben letztes Jahr natürlich das Thema Frauen und Männer, das ist leicht zu reporten aus dem System, aber die Vielfalt ist mehr als nur Frauen und Männer, sexuelle Orientierung spielt eine Rolle, kulturelle Herkunft spielt eine Rolle, und die Daten haben wir natürlich nicht im System, auch zu Recht aus Datenschutzgründen.

Also haben wir die Führungskräfte befragt, damit die eine Selbstauskunft geben, wo die herkommen und wie sie zusammengesetzt sind, um dann zu gucken, wo haben wir einen blinden Flick, also wo haben wir vielleicht zu wenig Repräsentation im Führungsebene und diese weicht ab von der Gesamtpopulation in der Belegschaft oder gar von der Gesellschaft. Und zu unserer Freude, was tatsächlich bildet die Gesellschaft wirklich ab, also die Unternehmenspopulation erstmal, wird auch repräsentiert in Sachen LGBTI-Angehörige, aber sogar über Repräsentationen in Führungspositionen, in Sachen Menschen mit Migrationshintergrund ist ein bisschen darunter, oder eigentlich deutlich darunter, wir haben ungefähr 20 Prozent Kolleginnen und Kollegen, die eine nicht-deutsche Nationalität haben, plus x Prozent, die Migrationshintergrund haben, aber eine deutsche Nationalität, deswegen können wir das auch nicht erfassen.

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Also da haben wir in der Tat ein Issue, wo wir auch investieren wollen und auch werden, und das machen wir jetzt gleich nochmal mit unseren Kolleginnen und Kollegen, um zu gucken, wie die Repräsentation das Ganze ausschaut. Das ist uns wichtig, nicht weil wir alles vermessen wollen, sondern weil wir am Ende, mir geht es ja darum, dass alle die gleichen Chancen haben sollten. Du hast es angesprochen, zwischen Chancen-Gleichheit, was in Verfassungen und Gesetze niedergelegt ist, und Chancen-Gerechtigkeit entstehen, die sind riesen Gaps in der Realität.

Und bei mir geht es darum bei unserer Arbeit, dass wir die strukturellen Nachteile erkennen wollen, und wenn wir die gefunden haben im Arbeitsleben, wo unser Einfluss reicht, diese zu beseitigen, damit alle die gleichen Ausgangspositionen haben und danach tatsächlich wirklich nur die Leistung entscheidet, und nicht ob man einen Migrationshintergrund hat oder welche soziale Herkunft hat. Apropos soziale Herkunft von Bildungsrichtern, vielleicht die Grafik habe ich mal gepostet, von 100 Kindern, Akademiker und Nicht-Akademiker, die in der Grundschule anfangen, vor drei Jahren schafft nur einer mit Promotion.

Mittlerweile habe ich gestern neuste gesehen, immerhin 6, also geht schon mal in die richtige Richtung. Von 106 schaffen Promotionen, wenn die Eltern Nicht-Akademiker sind, und bei Akademiker ist die Zahl ungleich höher. Also sieht man, dass die soziale Herkunft eine riesen Rolle spielt, ob die Kinder dann die Chancen… Faktor 4, sagt man, roundabout. Ja, manchmal bei manchen Stellen sogar noch höher. Und das geht nicht darum, das Studium hier zu glorifizieren, nicht jeder soll studieren, sondern die, die es nicht gemacht haben, das haben sie nicht ausgesucht, ich mache Ausbildung, sondern dann andere Sachen eine Rolle gespielt.

Und die fehlen uns später dann auch im Wirtschaftsleben. Und da sind Potenziale, die wir als Gesellschaft verschenken, die wir hätten auch verändern können, gerade wenn man im Bildungssystem endlich mal die Erkenntnisse, die da sind, auch tatsächlich umsetzt. Also ich glaube, im Bildungssystem haben wir kein Erkennungsproblem, sondern eher ein Umsitzungsissue. Potenziale nicht ganz nutzen. Wie sieht es da eigentlich in der Politik aus? Ich muss zugeben, ich war ein bisschen überrascht, dass das Bundeskabinett doch nicht so ganz, ich sage jetzt mal, außer Herrn Özti mir, so viele Vertreter hat von Menschen mit Migrationshintergrund.

Kannst du uns einen Einblick geben, wie es aus deiner Sicht aussieht, allgemein jetzt außerhalb des Bundeskabinetts? Also vielleicht, du hast es jetzt so lapidar gesagt, vielleicht darf ich es nochmal aufgreifen, den ich sehr gut kenne und sehr schätze, ist ja mein Landsmann, und zwar mein Landsmann hier aus Baden-Württemberg. Das war, glaube ich, ein sehr wichtiges Zeichen, auch für die Community da draußen, zu zeigen, dass jetzt nach 60 Jahren Anwerbe abkommen und seine Eltern sind ja damals auch hierher gekommen und dem wurde auch nichts geschenkt, dass es so jemand ja auch zum Bundesminister schaffen kann.

Und zwar nicht aufgrund von irgendeiner Quotenregelung oder weil man gesagt hat, ja wir brauchen noch jemanden, der irgendwie diversitymäßig was mitbringt, haben wir da einen, sondern aus eigener Leistung heraus. Das ist ja, glaube ich, nochmal das Zentrale. Da können wir auch, glaube ich, gemeinsam drauf stolz sein, und ich finde, das war ein wichtiges Zeichen. Aber, jetzt kommt das Aber, wir sind noch nicht da, wo wir sein sollten. Die naheliegende Frage ist ja immer oft, braucht es dafür Quoten? Wir als Grüne haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit Quoten, was eine übrigens ja hundertlange Ungerechtigkeit mit Frauen angeht.

Wir besetzen unsere Listen und unsere Gremien paritätisch, um auch die Potenziale zu nutzen, die wir haben und um auch die politischen Zirkel nicht ein closed shop von alten Männern, ich sage es jetzt mal flapsig, zu halten. Und hat viele tolle Frauen, die heute, glaube ich, ihre Quote gar nicht mehr bräuchten, aber trotzdem auch an die Oberfläche gebracht, dass wir heute beispielsweise auch eine erste weibliche Außenministerin haben. Das ist auch etwas, wo wir, glaube ich, auch damit einen Beitrag geleistet haben.

Jetzt kommt mein Aber. Ich glaube nicht, dass wir jede Frage mit einer Quote regeln können. Dafür ist auch unsere Gesellschaft zu vielfältig, weil es gibt ja viele auch Eigenschaften. Das ist das Geschlecht, das ist der kulturelle Hintergrund, das ist die sexuelle Orientierung, das sind vielleicht Menschen, die Beeinträchtigungen haben. Wenn wir für alles eine Quote haben, dann kommen wir so in ein Micromanagement und dann werden wir auch, glaube ich, nicht glücklich. Und trotzdem ist das, du sagtest vorhin, ein weißer Fleck, buchstäblich ein weißer Fleck.

Übrigens auch etwas, da gehe ich auch gerne mit meiner eigenen Partei, den Grünen, bei denen ich ja Mitglied bin, auch immer gerne kritisch ins Gericht. Wir sind ja eine Partei, die sich Vielfalt politisch auf die Fahne geschrieben hat. Ich würde mal behaupten, es gibt keine Partei, die sich konsequent für die vielfältige, offene Gesellschaft politisch einsetzt. Aber das müssen wir auch in unseren eigenen Reihen repräsentieren. Und wenn man sich anschaut, unsere Gremien, unsere Vorstände, dort, wo Menschen politisch auch an Spitzenplätzen Verantwortung übernehmen, da können wir auch, da müssen wir auch besser werden.

Fortsetzung

Da haben wir auch eine Vorbildfunktion. Die nehmen wir sehr ernst. Und wir haben jetzt als Partei uns immerhin im letzten oder im vorletzten Jahr ein Vielfaltstatut gegeben und werden gucken, ob das dazu führt, dass künftig mehr Menschen auch mit einem multikulturellen Background in diesen Gremien vertreten sind. Und wenn wir in zwei, drei Jahren merken, wir machen nicht den Fortschritt, den wir eigentlich machen sollten, dann muss man vielleicht noch mal ernsthaft drüber nachdenken. Gibt es andere Möglichkeiten?

Ich finde, so geht man auch mit einem Thema um. Man hat ein Problem, man versucht einen Weg, vielleicht noch, der noch nicht eine ganz harte Quotenregelung ist, aber der uns zumindest dazu zwingt, uns stärker damit auseinanderzusetzen. Und bei Cem Özdemir beispielsweise, aber ich könnte viele andere Menschen in unserer Partei nennen, nimmst du beispielsweise auch die Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages Aminata Touré, eine schwarze Politikerin, die einen hammermäßigen Job macht, die, glaube ich, auch für uns Grüne, aber eben nicht nur für uns Grüne, sondern für die gesamte Gesellschaft.

Sie ist ja auch Vizepräsidentin, eine ganz wichtige Rolle. Es spielt auch übrigens in die afrodeutsche Community hinein. Dann sieht man, da tut sich etwas. Und das macht mich erstmal optimistisch, dass sich auch im politischen Bereich etwas tut. Aber die Mühlen mahlen da langsam. Und ich glaube, wir müssen hartnäckig jeden Tag weiter dafür kämpfen, dass wir auch weiterhin in die Richtung arbeiten. Sehr schön gesagt. Kava, ich habe noch eine sehr persönliche Frage. Mich würde interessieren, gab es einen Schlüsselmoment für dich oder einen Schlüsselmoment der Integration für dich, wo du gesagt hast, okay, ich fühle mich hier wohl, hier möchte ich weiter wachsen, hier möchte ich leben, hier möchte ich mich ausweiten können.

Ich gebe dir kurz ein bisschen Kontext und Hintergrund. Als wir hier in 98 Deutschland gekommen sind, hat mir eine deutsche Familie, die sich sehr um uns gekümmert hat. Das werde ich nie vergessen. Das war eine sehr freundliche Dame aus Weinheim, also bei uns hier in der Nähe. Und ich heiße niemals vergessen, sie hat uns mit ins Kino genommen mit ihren Kindern. Ich durfte ein Schlagzeug spielen bei ihren Kindern mitmachen. Also das war für mich so eine Art Schlüsselmoment der Integration. Und da wusste ich, ich fühle mich hier wohl.

Gab es so etwas Ähnliches auch bei dir? Also wer mich aufgefangen hat, tatsächlich, das sind meine Schwiegeltern. Ich habe meine Freunde der 11. Klasse kennengelernt hier in Deutschland. Und dann nach dem Abitur direkt kamen wir geheiratet. Und die haben mir natürlich Orientierung gegeben, Halt gegeben. Und ich glaube, jeder, also wenn man die erfolgreichen Biografien anguckt, kennt jeder so eine Ersatzmutter, Ersatzvater, du hast es auch gerade erzählt. Weil das ist auch für die Integration super wichtig, nämlich die Orientierungshaben.

Denn wenn man in ein neues Land kommt, man kennt sehr wenig Ausnitter, das Land bietet viel mehr. Und wenn man nicht Orientierung hat, und das habe ich viele Jahre im Studium verloren, auch nach dem Abi, weil ich habe keine Ahnung, warum ich Abitur gemacht habe. Und was es für Möglichkeiten so gibt. Also Halt hatte ich bei meinen Schwiegereltern. Aber der Moment war, glaube ich, so 1998, 1999. Ich bin 1990 nach Deutschland gekommen. Meine Eltern waren immer noch Afghanistaner, sind immer noch dort. Dann kamen wir, die Russen waren abgezogen, dann kamen die Taliban.

Und bis dahin habe ich noch geglaubt, dass ich wieder zurückgehe. Weil ich wollte eigentlich nicht hier in Deutschland bleiben. Aber als die Taliban kamen, das war 1998 oder so, da war kein Moment. Aber in Zeit, wo ich realisiert habe, das wird nichts mehr werden mit zurückgehen. Da war ich auch zu dem Zeitpunkt fast acht, neun Jahre in Deutschland. Und dann ist bei mir unterbewusst ein Klick gemacht im Kopf, jetzt muss ich gucken, dass ich hier mein Leben aufbaue. Und wenn es irgendwann in Afghanistan was wird, dann wird es vermutlich eher, wo man hin besuchen geht, Familien etc.

Und so ist es leider auch gekommen am Ende des Tages. Und ab dann habe ich angefangen, das war auch der Zeitpunkt, wo ich auch mein Abitur dann gemacht habe und gearbeitet habe und Studium anstand, wo ich dann gesagt habe, jetzt volle Pulli hier darauf konzentriert. Sehr interessant, also vor allem das, was du gesagt hast, das Thema Orientierung geben. Ich glaube, das ist tatsächlich super wichtig für das Thema Integration. Ja, unglaublich wichtig. Deswegen versuchen wir, versuche ich auch, du kennst meine Projekte, dass wir sowohl Kinder als auch Jugendliche, übrigens mit deiner Kollegen aus Hamburg, ist auch eine Abgeordnete von Grünen, auch eine Mentorship für Jugendliche mit Migrationshintergrund oder schwachen sozialen Haushalten anzubieten.

Und persönliche Erfahrung weiß ich, wenn man weiß, was man alles werden kann, was es alle Optionen gibt, außer denen, was man von zu Hause kennt. Weil zu Hause selber vielleicht die Eltern jetzt nicht eine Karriere hingelegt haben, nicht studiert haben oder nicht Unternehmer waren oder sonst was. Dann wird einem auch bewusst, welche Tore einen bereitstehen und welche Wege man gehen kann. Und wenn man diese Inspirationen gibt, dann habe ich bisher immer die Erfahrung gemacht, dass auch bei den anderen so einen Klick machen und dann haben die ein Ziel und dann wollen die auch dahin kommen.

Fortsetzung

Und zum Thema Repräsentation, Quoten ist eine Sache, aber wir brauchen unbedingt eine Ausweitung der Diversity-Begriffs, weil dann fangen wir immer wieder mit der Diversity-Rede, reden wir immer wieder über Frauen, Gender-Diversity, so viele Frauen gibt es da und so viele Männer. Aber Menschen mit Migrationshintergrund werden zwar isoliert immer noch als eine Diversity- oder Vielfaltfaktor gesehen, aber wenn man so drei Männer, drei Deutsche und drei Menschen mit Migrationshintergrund hat, dann wird man vermutlich eher sagen, dass sie nur Männer-only, Mäd-only, wo sie Diversity-Faktor.

Ja, natürlich fehlt Gender als ein Diversity-Merkmal, auch ein wichtiges Merkmal. Aber dass der vielfaltähnlichen oder gleichwertigen Diversity-Beitrag leistet, dass das nicht so wahrgenommen wird. Und da versuche ich auch einen Beitrag dazu zu leisten mit verschiedenen Programmen, auch dazu, dass wir auch diese Menschen, wenn wir gerade am Zusammensetzen von Vorständen, von Führungspositionen usw. sofort angehen, auch mit Berücksichtigung, nicht nur Gender. Und laut McKinsey-Studien usw. zeigen sogar, dass die kulturelle oder ethnische Beitrag in Teams höher liegt als bei Gender.

Aber wir wollen nicht kommunizieren, es geht nur darum, dass wir gemeinsam schaffen, solche Formate hier ein anderes Bewusstsein für diese Menschen herzustellen. Du hast gesagt, gemeinsam schaffen, ich glaube, das ist auf jeden Fall ein sehr wichtiger Stichpunkt. So, jetzt haben wir echt viel und sehr interessante Sachen auch gesagt und besprochen. Und so langsam kommen wir auch zum Schluss des heutigen Podcasts. Wie ihr wisst, heißt der Podcast auch Project Mindset. Nicht umsonst, weil mich interessiert natürlich das Mindset hinter den Personen, mit denen ich spreche.

Ich habe heute ein ganz gutes Gefühl bekommen, was für eine Geisteshaltung, was für eine Denkweise ihr habt. Aber trotzdem noch mal die finale Frage vielleicht erst an dich, Daniel. Welches Mindset hatte für dich den größten und wichtigsten Einfluss gehabt in deinem Leben? Das ist schwierig, das ist schwierig, das auf eine Botschaft zu reduzieren. Aber wenn ich es müsste, ich bin großer Mohamed Ali-Fan. Der wäre jetzt vor kurzem 80 Jahre alt geworden. Da ist noch mal viel Berichterstattung und so in der Presse gewesen.

Da ist mir noch mal ein tolles Zitat von ihm untergekommen. Er hat gesagt, don’t count the days, make the days count. Ich glaube, das ist auch gerade für uns in der Politik, wo wir immer kleine Schritte gehen, aber das auch okay ist, solange wir in die richtige Richtung gehen und uns immer gegenseitig auch motivieren müssen. Du hast vorhin von deinem Sohn gesprochen, ich habe ja auch meinen erwähnt. Ich stelle mir auch manchmal die Frage, wie erkläre ich ihm möglicherweise? Warum habt ihr damals im Kampf für mehr Klimaschutz nicht genug getan?

Weil ich weiß, wir haben riesige Herausforderungen im Bildungsbereich, im ganzen Klimabereich. Die Schritte, die wir eigentlich machen müssten, sind noch nicht so groß, wie wir sie eigentlich machen müssen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, jeden Tag ein bisschen für eine bessere Welt zu kämpfen. Das lohnt sich schon. Und du hast es sehr schön gesagt, andere dafür auch inspirieren. Ich finde gerade, jeder soll auch sein Umfeld so gestalten, dass er Menschen, die einen inspirieren und die einen empowern und nicht nach unten ziehen.

Und da kommt noch mal die Vielfalt ins Spiel. Ich glaube, Vielfalt von Perspektiven, Vielfalt von unterschiedlichen Hintergründen. Ich versuche das auch in meinem politischen Umfeld so zu handhaben. Auch Menschen, die sich gegenseitig widersprechen. Also ich glaube, die Zeiten, wo top down der Chef alles weiß und alles besser weiß, sind zum Glück lange vorbei. Sondern auch aktiv Widerspruch einzufordern, dass man auch über die Wege kontrovers sprechen kann, um ein Problem zu lösen. Und wenn wir das machen und jeden Tag ein bisschen dafür arbeiten und dafür sorgen, wie Adi es gesagt hat, den Tag zu nutzen und zum Zählen zu bringen, ich glaube, dann können wir auch optimistisch sein, dass wir die großen Aufgaben, die vor uns liegen, auch gemeinsam hinbekommen.

Sehr schön gesagt. Vielen Dank dafür. Kaba, wenn ich die Frage dir stellen darf, welches Mindset hat für dich den größten Einfluss gehabt? Ja, das klingt ein bisschen blöd. Alles wird gut. Also mein Rückblick hat mir sehr häufig geholfen, dass ich häufig ganz hohe Herausforderungen hatte, insbesondere natürlich finanziell in der Natur. Aber auch ohne Eltern zu leben und keinen Rückhalt zu haben, etc. Aber am Ende ist es immer gut geworden. Und das beruhigt enorm mich, auch immer wenn ich dann in Krisen bin.

Dann erinnere ich mich daran, dass in den vergangenen Krisen es am Ende wieder gut wird. Und was das berufliche angeht oder Umsetzung, ist mein Mindset definitiv doch. Ich finde, das Wort bringt es auf einen Punkt, gibt es da leider nicht auf englischer Sprache, diese doch Mindset, also nicht etwas an das Thema heranzugehen, wo man sich auf Risiken fokussiert, sondern auf die Chancen. Doch es geht mit diesem Mindset an das Thema herangeht und nicht zu gucken, welche Probleme es auf dem Weg gehen könnte.

Fortsetzung

Das bringt mich weiter und ich merke auch im Unternehmen, intern nennen wir das sogar sub doch, also Hashtag ist app doch, um dann neue Ideen und Sachen, die Urfragen, die wieder kommen, mit diesem Mindset heranzugehen, doch ich werde es schon schaffen, als umgekehrt erst mal sich auf die Probleme zu fokussieren. Auch sehr, sehr schön gesagt, das nehme ich auf jeden Fall mit. Ich möchte mich herzlich bei euch bedanken. Vielleicht noch eine kleine Info von meiner Seite aus. Also ihr zwei seid für mich absolut inspirierende Vorbilder.

Ich hoffe, ihr macht auch weiter so, denn ich denke, viele der Zuhörerinnen und Zuhörer brauchen ab und zu mal so eine Art Inspirationschub und denken sich auch, hey, was kann ich hier eigentlich erreichen, wenn ich in Arbeit genug reinstecke. Und ich glaube, da seid ihr absolute Vorbilder. Bitte macht weiter so. Vielen Dank. Vielen Dank für eure Zeitladung. Danke schön. Sehr gerne, bis hoffentlich bald wieder.

Dieses Transkript wurde automatisch mit Whisper KI erstellt und kann vereinzelt Fehler enthalten.


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Tags: Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Integration Deutschland, Diversity, Migrationshintergrund, Danyal Bayaz, Cawa Younosi, SAP, Baden-Wuerttemberg, Bildungsgerechtigkeit, Inklusion, Vorbilder Migration, Einwanderung, Fachkraeftemangel, Project Mindset


Namen und Begriffe

Personen: Dr. Danyal Bayaz, Cawa Younosi, Reza Mehman, Winfried Kretschmann (erwaehnt als Ministerpraesident)

Organisationen: SAP, Finanzministerium Baden-Wuerttemberg, Buendnis 90/Die Gruenen, Deutscher Bundestag, Deutsche Telekom, CDU

Orte: Baden-Wuerttemberg, Stuttgart, Walldorf, Deutschland, Tuerkei

Fachbegriffe: Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Migrationshintergrund, Integration, Diversity, Inklusion, Bio-Deutscher, Herkunftsscham, Bildungsgerechtigkeit, Fachkraeftemangel, demografische Entwicklung, Quereinsteiger, Einwanderungsland


Zitierfaehige Passage

Deutschland ist ein Einwanderungsland, doch zwischen dem Versprechen der Chancengleichheit und der gelebten Chancengerechtigkeit liegt noch ein weiter Weg.
Finanzminister Dr. Danyal Bayaz und SAP-Personalchef Cawa Younosi zeigen mit ihren persoenlichen Geschichten, dass Erfolg unabhaengig von Herkunft moeglich ist, aber strukturelle Barrieren weiter abgebaut werden muessen.
Bildungserfolg von der Herkunft der Eltern zu entkoppeln, ist dabei nicht nur eine soziale, sondern auch eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit.
Beide Gaeste machen Mut: Es ist nicht entscheidend, wo man herkommt, sondern wo man hin moechte.






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