Folge 73: Torch: Wer bin ich? Identität, Hip-Hop und Mindset

Der Heidelberger Rapper und Pionier des deutschsprachigen Hip-Hop über Identität als Mosaik, den philosophischen Kern von Hip-Hop und die Kraft, den eigenen Ideen zu vertrauen.


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Einleitung

Torch, der Heidelberger Rapper und Pionier des deutschsprachigen Hip-Hop, spricht im Project-Mindset-Podcast über Identität, Mindset und die Philosophie hinter Hip-Hop. In diesem Gespräch mit Host Reza Mehman erklärt Torch, warum Identität kein klares Bild ist, sondern ein Mosaik aus vielen Schichten. Er blickt zurück auf den kulturellen Einfluss von „Fremd im eigenen Land“, erklärt, warum Hip-Hop zuallererst eine Haltung und kein Musikstil ist, und beschreibt, wie er durch das Samplen von Musik zum Philosophen und Forscher wurde. Dabei wird deutlich: Wer sich nur über Titel oder Berufe definiert, greift zu kurz. Das wichtigste Mindset, so Torch, ist es, den eigenen Ideen zu vertrauen und sich nicht durch Zuschreibungen anderer vom eigenen Weg abbringen zu lassen.


Zusammenfassung

1-Satz-Version: Torch erklärt im Podcast-Gespräch, warum Identität ein vielschichtiges Mosaik ist, Hip-Hop ein philosophischer Forschungsansatz und das Vertrauen in eigene Ideen das wichtigste Mindset.

3-Satz-Version: Torch, einer der Pioniere des deutschsprachigen Hip-Hop, beschreibt im Project-Mindset-Podcast, wie Hip-Hop ihn nicht zum Musiker, sondern zum Philosophen und Forscher gemacht hat. Er erläutert, warum Identität kein klares Bild ist, sondern ein Mosaik, das sich ein Leben lang verändert. Das wichtigste Mindset für ihn: den eigenen Ideen trauen, auch wenn neun von zehn Dingen scheitern.

5-Satz-Version: Torch, bürgerlich Frederik Hahn, ist einer der Gründer der Heidelberger Hip-Hop-Gruppe Advanced Chemistry und mit dem Album „Blauer Samt“ eine der prägenden Stimmen des deutschsprachigen Hip-Hop. Im Gespräch mit Reza Mehman erklärt er, warum er sich nie als Musiker, sondern immer als Forscher und Experimentierenden betrachtet hat. Hip-Hop war für ihn von Beginn an eine philosophische Haltung: Fragen stellen, Grenzen hinterfragen, eigene Wege erfinden, statt vorgefertigte Definitionen zu übernehmen. Identität, so Torch, ist kein festes Bild, sondern ein Mosaik aus vielen Schichten, das sich mit dem Alter und den Erfahrungen ständig verändert. Das wichtigste Mindset in seinem Leben war es, eigenen Ideen zu vertrauen, Rückschläge auszuhalten und dabei flexibel, diszipliniert und neugierig zu bleiben.


Kontext: Wer, Was, Warum

Wer spricht: Reza Mehman ist Host des Podcasts „Project Mindset“ und langjähriger Fan von Torch. Torch (Frederik Hahn) ist Rapper, Graffiti-Writer, DJ, Unternehmer und Mitbegründer von Advanced Chemistry. Er ist einer der Ersten, die auf Deutsch freestylten, und gilt als Pionier des deutschsprachigen Hip-Hop. Sein Soloalbum „Blauer Samt“ (2001) zählt zu den bedeutendsten Alben des deutschen Hip-Hop.

Worum geht es: Das Gespräch dreht sich um Identität, das Mindset hinter Hip-Hop und die philosophische Frage, wer man eigentlich ist. Torch erklärt seinen künstlerischen Ansatz, seinen Umgang mit Rückschlägen und sein Verständnis von Flexibilität, Disziplin und Selbstvertrauen.

Warum relevant: In einer Zeit, in der viele Menschen ihre Identität über Jobtitel und Rollen definieren, bietet Torch eine tiefe, unkonventionelle Perspektive auf Selbstdefinition, Kreativität und das Vertrauen in eigene Ideen.

3 Kernfragen des Gesprächs:

  1. Was ist Identität wirklich, wenn man sie nicht auf Beruf oder Titel reduziert?
  2. Warum ist Hip-Hop zuerst eine philosophische Haltung und erst dann Musik?
  3. Welches Mindset braucht es, um eigene Ideen zu verfolgen und Rückschläge auszuhalten?

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung – Überblick über das Gespräch und seine zentralen Themen
  2. Zusammenfassung – Das Gespräch in 1, 3 und 5 Sätzen
  3. Kontext – Wer spricht, worum es geht und warum es relevant ist
  4. Themen und Einordnung – Die wichtigsten Themenbereiche des Gesprächs
  5. Kern-Aussagen – Die prägnantesten Aussagen, direkt verwertbar
  6. Häufig gestellte Fragen – Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um das Gespräch
  7. Highlight-Zitate – Die stärksten Sätze aus dem Interview
  8. Das vollständige Gespräch – Das aufbereitete Transkript mit Zwischentiteln
  9. Keywords – SEO-relevante Tags
  10. Namen und Begriffe – Konsistente Schreibweisen
  11. Zitierfähige Passage – Direkt verwendbarer Absatz

Themen und Einordnung

1. Identität als Mosaik
Torch erklärt, dass Identität kein klares Bild ist, sondern aus vielen Schichten besteht und sich ein Leben lang verändert. Besonders Menschen mit Migrationshintergrund entwickeln durch das ständige Erklären-Müssen ein tieferes Bewusstsein für diese Vielschichtigkeit.
Keywords: Identität, Selbstdefinition, Migrationshintergrund

2. Hip-Hop als Philosophie und Forschungsfeld
Für Torch ist Hip-Hop nicht in erster Linie ein Musikstil, sondern ein philosophischer Ansatz: Fragen stellen, Grenzen hinterfragen, Definitionen selbst erfinden. Sampling, Graffiti, Breakdance und Rap sind Ausdrucksformen eines gemeinsamen Mindsets.
Keywords: Hip-Hop Philosophie, Sampling, Kreativität

3. „Fremd im eigenen Land“ und kulturelle Wirkung
Der Song von Advanced Chemistry (1992) war ein Wendepunkt in der deutschen Medienlandschaft und öffnete Türen für Nichtdeutsche im Mainstreamfernsehen. Er behandelt nicht nur Rassismus, sondern die deutsche Identität als solche.
Keywords: Fremd im eigenen Land, Advanced Chemistry, deutsche Identität

4. Mindset: Eigenen Ideen vertrauen und Rückschläge aushalten
Das wichtigste Mindset für Torch ist es, eigenen Ideen zu trauen, auch wenn neun von zehn Dingen scheitern. Resilienz, Selbstdisziplin und Flexibilität sind die Grundlagen seines Weges.
Keywords: Mindset, Resilienz, Selbstvertrauen

5. Blauer Samt: Kunst als Fragezeichen
Das Album „Blauer Samt“ und das begleitende Buch stehen für Torchs Weigerung, klare Bilder zu liefern. Identität und Kunst sind Fragezeichen, keine Ausrufezeichen.
Keywords: Blauer Samt, Kunst, Fragezeichen vs. Ausrufezeichen


Kern-Aussagen

  • Identität ist kein klares Bild, sondern ein Mosaik aus vielen Schichten, das sich ein Leben lang verändert.
  • Hip-Hop ist zuallererst eine philosophische Haltung: Fragen stellen, Definitionen hinterfragen, eigene Wege erfinden.
  • Menschen mit Migrationshintergrund haben durch das ständige Erklären-Müssen einen Vorteil: Sie setzen sich bewusster mit ihrer Identität auseinander.
  • „Fremd im eigenen Land“ (1992) war der erste Song, der die Frage der deutschen Identität aus der Perspektive Afrodeutscher und Menschen mit Migrationshintergrund in den Mainstream brachte.
  • Sampling ist mehr als Musikstücke verwenden: Man kann Gefühle, Ideen und Konzepte sampeln und zu etwas Neuem zusammensetzen.
  • Neun von zehn Dingen scheitern. Erfolg ist das Ergebnis unzähliger Rückschläge, die andere nicht sehen.
  • Das wichtigste Mindset: Sich selbst erlauben, an eigene Ideen zu glauben, auch wenn andere dagegen arbeiten.
  • Klare Bilder schaffen Vertrauen, aber wer zu sich selbst steht mit allen Widersprüchen, kann kein klares Bild liefern.
  • Rap ist die direkteste Musiksprache: nicht hinter Melodien versteckt, sondern direkt und demokratisch.
  • Identität ist in Bewegung. Wer man mit 20 ist, ist mit 50 und mit 70 etwas anderes, und das ist völlig in Ordnung.

Häufig gestellte Fragen

Wer ist Torch und warum ist er wichtig für den deutschen Hip-Hop?

Torch, bürgerlich Frederik Hahn, ist einer der Mitbegründer von Advanced Chemistry und einer der ersten Rapper, die auf Deutsch freestylten. Mit dem Song „Fremd im eigenen Land“ (1992) und dem Soloalbum „Blauer Samt“ (2001) zählt er zu den prägenden Figuren des deutschsprachigen Hip-Hop. Er gilt als Pionier, der Hip-Hop als philosophische Haltung und Forschungsfeld versteht.

Was bedeutet „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry?

„Fremd im eigenen Land“ (1992) war der erste Song, der die Frage der deutschen Identität aus der Perspektive von Afrodeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschen Mainstream brachte. Er behandelt nicht nur Rassismus, sondern vor allem die Frage, wer in Deutschland als Deutsch gilt und wer sich selbst definieren darf. Der Song hatte enormen gesellschaftlichen Einfluss und öffnete Türen für mehr Sichtbarkeit nichtdeutscher Menschen im Fernsehen.

Was ist das Album „Blauer Samt“ von Torch?

„Blauer Samt“ erschien 2001 und ist das einzige Soloalbum von Torch unter diesem Namen. Begleitet wurde es von einem Buch, das die philosophischen Hintergründe des Albums vertieft. Das Album steht für Torchs Weigerung, klare Bilder zu liefern: Blau und Samt, zwei scheinbar gegensätzliche Konzepte, werden zu einem Fragezeichen zusammengefügt, ähnlich wie Hip und Hop zu Hip-Hop werden.

Warum hat Torch nur ein Soloalbum veröffentlicht?

Torch stellt diese Frage selbst infrage: Warum muss man mehrere Alben machen? Für ihn war „Blauer Samt“ ein in sich geschlossenes Werk. Er legt sich grundsätzlich nicht auf eine einzige Rolle fest: mal Rapper, mal DJ, mal Unternehmer, mal Poet. Das Nicht-Festlegen ist für ihn selbst Teil seines Mindsets.

Was bedeutet Identität laut Torch?

Laut Torch ist Identität kein klares Bild, sondern ein Mosaik aus vielen Schichten. Man ist bei Kindern jemand anderes als bei Kollegen, beim Finanzamt eine Steuernummer, im Rap ein Frontman. Diese Vielschichtigkeit ist keine Schwäche, sondern die Realität aller Menschen. Identität ist außerdem in Bewegung: Sie verändert sich mit dem Alter und den Erfahrungen.

Warum ist Hip-Hop laut Torch eine Philosophie und keine Musik?

Hip-Hop ist für Torch ein Forschungsfeld und eine Haltung. Es geht nicht darum, ein Instrument zu lernen, sondern darum, mit Musikstilen zu spielen, Fragen zu stellen und Definitionen selbst zu erfinden. Ähnlich wie Jazz Instrumente aus ihrer festgefahrenen Verwendung befreite, befreit Hip-Hop die Vorstellung davon, was Musik, Kunst und Kreativität bedeuten können.

Welches Mindset empfiehlt Torch?

Das wichtigste Mindset für Torch ist es, sich selbst zu erlauben, an eigene Ideen zu glauben. Viele Menschen verbieten sich Ideen, bevor sie sie überhaupt zulassen. Dazu kommen Selbstdisziplin, Ehrgeiz und Flexibilität. Resilienz ist entscheidend: Neun von zehn Dingen scheitern, aber wer das aushält und weitermacht, gelangt irgendwann dorthin, wo er hinwill.

Was bedeutet Sampling in Torchs Verständnis?

Für Torch ist Sampling weit mehr als das Verwenden von Musikausschnitten. Man kann Gefühle sampeln, Ideen sampeln, Konzepte sampeln. „Blauer Samt“ ist selbst ein Sample: Blau als etwas Kühles und Samt als etwas Weiches werden zusammengefügt und ergeben etwas Neues, das keiner der beiden Ausgangsteile allein ist.

Warum lebt Torch nicht mehr in Heidelberg?

Torch ist nach Zürich gezogen, betrachtet Heidelberg aber weiterhin als seinen Hauptwirkungsort und seine Heimat. Die Jams und das Hip-Hop-Archiv finden in Heidelberg statt. Körperlich hat er die Stadt verlassen, geistig nie: Er hat als Teil seiner Generation ein bestimmtes Bild von Heidelberg mitgeprägt, das damit zu seiner Identität geworden ist.

Was bedeutet das Zitat „Ich bin das, deswegen bin ich nichts“?

Torch hat diesen Satz in einem Fernsehinterview mit Klaus Kinski gehört und ihn für das Album „Blauer Samt“ gesampled. Der Satz beschreibt den Widerspruch, vor dem jeder Künstler steht: Wer in der Welt etwas sein will, muss klare Bilder liefern. Aber wer zu sich selbst steht mit all seinen Widersprüchen, kann kein klares Bild liefern. „Ich bin das, deswegen bin ich nichts“ ist für Torch die ehrlichste Selbstbeschreibung.


Highlight-Zitate

„Ich bin ein Musiker, der kein Musiker ist.“– Torch

„Identität ist ein Mosaik. Du hast das Problem, aus diesen Mosaiksteinen dein klares Bild zu erkennen.“– Torch

„Ich bin das, deswegen bin ich nichts.“– Torch (Klaus-Kinski-Sample auf „Blauer Samt“)

„Neun von zehn Sachen funktionieren nicht. Leute sehen nur, was gut funktioniert, aber man selber kennt den Struggle.“– Torch

„Das Wichtigste ist, sich selbst zu erlauben, an die eigenen Ideen zu glauben.“– Torch

„Klare Bilder schaffen Vertrauen. Wenn man aber zu sich selber steht mit allen Widersprüchen, ist ein klares Bild schwierig.“– Torch

„Hip-Hop erlaubt mir, das alles zeigen zu dürfen. Die Schubladen sind nicht so eng.“– Torch

„Rap ist was Direktes. Es ist nicht versteckt hinter Melodien, sondern einfach pal in your face.“– Torch

„Das Ich umfasst nicht nur mehrere Menschen, sondern manchmal redet man auch von einem Movement.“– Torch

„Ich gehe auf die Bühne, genauso nehme ich 2 Platten und sample sie. Alles, was du bist, ist right here.“– Torch


Das vollständige Gespräch

Einstieg: Der Essenzforscher

Torch:

Nimm mich als Jugendlichen, der monatelang sich durch Plattenläden und Schallplatten sucht, alle jegliche Form von Musik durchhört. Rock, Jazz, Klassik, alles hörst du durch, Soundtracks, jede Musik, alles iranische Musik, du hörst alles durch, du studierst es. Du hörst es nicht kurz an, sondern du hörst das gesamte Ding, du studierst die Strukturen, du hörst alles, um dann eine kleine Sequenz rauszunehmen, wo du denkst, das ist die Substanz, das ist die Essenz.

Was bist du dann? Ein Essenzforscher. Du versuchst rauszukriegen, wo ist die Kraft, und dann suchst du überall die Elemente zusammen, wo du denkst, das sind die, da hängt die Kraft. Das sammelst du zusammen, baust wie Frankenstein. Aus diesen toten Teilen, aus diesen Musikleichen, versuchst du ein holpriges neues Musikstück zu bauen, weil du kein Musiker bist, das dann auf unerhörte Weise irgendwie lebt. Und dann, obwohl du ein genialer Forscher bist, der den ganzen Tag die Musik erforscht hat, stellst du dich hin und versuchst dich total ignorant hinzustellen und tust so: Jo, ich bin einfach hier, ich hab gar keine Ahnung von gar nichts.

Intro und Willkommen

Reza Mehman:

Hi zusammen und herzlich willkommen bei Project Mindset. Der Kanal für all diejenigen, die ganz genau wissen, dass mit dem richtigen Mindset alles möglich ist. Heute haben wir ein Interview, auf das ich mich schon ganz lange gefreut habe. Es ist ein Interview mit dem Heidelberger Musiker und Rapper Torch. Ich bin schon seit meiner frühen Tage ein ganz großer Fan von ihm. Er hat 2001 ein Album rausgebracht, das heißt „Blauer Samt“. Ich höre es auch seit 2001 und das hat schon was zu bedeuten. Das begleitet mich schon mein ganzes Leben.

Und mit Torch möchte ich heute über ein Thema sprechen, worüber ich auch sehr viel nachdenke, und zwar die eigene Identität. Wer ist man eigentlich? Ich finde die Frage gar nicht so einfach. Viele definieren sich ja über den Job, den sie haben, über die Rollen, die sie haben, über den Titel, den sie haben. Aber ich denke, das ist viel zu kurz gegriffen und genau darüber möchte ich mit Torch sprechen. Viel Spaß mit dem Podcast.

Zum Einstieg: „Blauer Samt“ und die Frage nach der Identität

Reza Mehman:

Torch, ich danke dir von ganzem Herzen, dass du heute mit dabei bist. Ich bin ein ganz großer Fan von dir und für mich ist es wirklich eine ganz große Ehre, dass du heute hier bist.

Torch:

Danke, danke für die Einladung.

Reza Mehman:

Ja, absolut. Also vielleicht ein bisschen, um Kontext zu schaffen. 2001 hast du ein Album rausgebracht, „Blauer Samt“, das begleitet mich tatsächlich schon seit 2001. Ich höre da immer wieder rein. Interessanterweise ergeben sich immer wieder neue Lieblingssongs für mich aus dem Album. Ich hab das Gefühl, durch die einzelnen Phasen meines Lebens verändert sich auch so ein bisschen mein Geschmack, was dein Album anbelangt. Und ich kann wirklich sagen, bevor ich sogar die Idee hatte, dich anzufragen für einen Podcast, hab ich es tatsächlich regelmäßig angehört.

Dann kam ich irgendwann zu einem Punkt, wo ich einen Song neu entdeckt habe im Album, und zwar das Thema oder der Song „Wer bin ich?“ Darüber möchte ich gleich mit dir sprechen. Ich find es eine unglaublich schwierige Frage, wer man ist. Viele definieren sich über einen Job, über ihre Titel, über das, was sie tun, ihre Rollen. Aber ich glaube, da gibt es noch eine andere Herangehensweise. Ich würde unser Gespräch gerne aufteilen zwischen kleinen Teilen über den Musiker-Torch, dann aber viel mehr über den Menschen-Torch, Frederik Hahn, und sein Mindset.

Fangen wir vielleicht mit der Musikerkarriere an. 2001 kam das deutsche Rap-Album, das ich am meisten mag. Die Frage, die ich mir gestellt habe: Du warst einer der ersten deutschsprachigen Rapper, du warst definitiv der erste Freestyle-Rapper.

Torch:

Ich hab auf Deutsch freeggestyllt, als die anderen auf Englisch geschrieben haben. Das for sure, genau, absolut.

„Fremd im eigenen Land“: Gesellschaftlicher Einfluss und deutsche Identität

Reza Mehman:

Und du hast auch mit der Gruppe Advanced Chemistry einen Song rausgebracht, der unglaublich viele Preise gewonnen hat, „Fremd im eigenen Land“. Der hat richtig Einfluss gehabt, glaub ich, auch auf die Kultur, die wir hier haben.

Torch:

„Fremd im eigenen Land“ hat unheimlich viel Einfluss auf die ganze Gesellschaft genommen. Sehr viele Leute haben mir gesagt, dass sie über diesen Song überhaupt auf die Idee kamen, über ihren Schatten zu springen oder an sich zu glauben, und wurden dadurch erst Manager, Politiker oder irgendwas, weil sie vorher gedacht haben, in Deutschland könnten sie gar nicht über ihren zugewiesenen Platz hinauswachsen.

„Fremd im eigenen Land“ ist der erste Song, der diese Thematik in diesem Stil behandelt. Also nicht nur Rassismus, es wird oft auf Rassismus reduziert, aber es geht um die deutsche Identität. Natürlich gab es schon vorher Bücher darüber, aber in diesem Fall sind das Afrodeutsche, Deutsche mit Migrationshintergrund, die ihren Blick hinstellen. Nicht, dass andere ihnen eine Zuschreibung geben, sondern dass man sich selbst definiert und es hinstellt.

Bevor wir 92 mit „Fremd im eigenen Land“ im Mainstreamfernsehen wie eine Explosion in die Wohnzimmer reingeknallt sind, gab es nicht viele nichtdeutsche Menschen im Fernsehen. Das Bild vom Deutschen war sehr homogen. Als ich klein war, gab es Roberto Blanco und den Tänzer von Boney M. Seit „Fremd im eigenen Land“ hast du überhaupt so viele Nichtdeutsche im Fernsehen. Vorher gab es das nicht. Ja, und dann kamen wir und haben gesagt, da sind wir. Wir haben die Tür aufgemacht für ganze Schichten der Bevölkerung.

Hip-Hop als Philosophie: Musiker ohne Instrumente

Torch:

Ich hab viel zu spät erfahren, dass ich eine Musikkarriere hab. Ich wollte eigentlich, ich weiß gar nicht, ob ich je Musiker werden wollte. Ich hab mich auch nie als Musiker gesehen. Ich hab mit 11, 12 Jahren mit Hip-Hop angefangen, und das heißt Breakdance, Tanzen, Graffiti malen, Scratchen.

Reza Mehman:

Eigentlich, was Hip-Hop ist. Ist ja nicht nur der Gesangspart.

Torch:

Genau, und der Gesang kam für mich am Schluss dazu. Ich hab erst alle Elemente vorher durch mich durchgearbeitet. Ich hab mich selber eigentlich nie als Musiker gesehen. Ich spiel kein Instrument, ich kann keine Noten lesen. Ich bin ein Musiker, der kein Musiker ist.

Und das ist eben schon, deswegen fand ich auch dieses Projekt oder Project Mindset gut, weil Hip-Hop ein komplett eigenes Mindset hat. So, hey, du kannst Musiker sein, auch ohne Musiker zu sein. Ich bin 71 geboren, ich kam 77 in die Schule. Es gab natürlich viele Bewegungen, die vorher alles schon aufgelockert haben, die 68er, die Hippies. Aber Hip-Hop hat noch mal was dazu gebracht, was uns allen gefehlt hat, und zwar eine bestimmte Attitude.

Ich wollte zum Beispiel gar nicht rebellieren. Viele Leute haben das oft als Rebellion gesehen, gegen die Gesellschaft. Meine Generation, wir wollten gar nicht gegen die Gesellschaft sein, wir wollten Teil der Gesellschaft sein. Oder wir waren eigentlich Teil der Gesellschaft, nur man sagt uns, wir sind es nicht. Und für mich war Hip-Hop die Möglichkeit, alles was ich mitbringe an Background, an Reichtum, an Kultur, an Wissen, an Skills, die in der damaligen festgefahrenen Gesellschaft keinen Platz hatten, war in Hip-Hop nicht nur gefragt, sondern war das Ding.

Ich bin durch Hip-Hop eigentlich zum Philosophen geworden, weil das Erste, was im Hip-Hop für mich drin war, ein philosophischer Ansatz war. Zum Beispiel, was ist Musik? Wie lernt man Musik? Wann ist man Musiker? Leute fragen sich das kaum. Die sind in den Unterricht gegangen, haben Gitarre gelernt, wurden Gitarristen, und ich stand nebendran und hab gedacht, was stimmt da nicht.

Hip-Hop, wenn wir sagen, dass Hip-Hop keine Musik ist, ist es nicht, weil es Lärm ist oder nicht gut genug ist, sondern das ist gar nicht so gedacht. Es ist philosophisch gedacht. Du kannst es nicht reduzieren als Musik. Es ist eine Herangehensweise an die Musik, ähnlich wie Jazz. Es geht nicht darum, welche Musikstile dann daraus resultieren, sondern die komplett neue Herangehensweise an die Instrumente. Jazz hat Instrumente, die total festgefahren waren, Blasinstrumente, die für Militärmarschmusik eingesetzt waren, und Jazz hat sie befreit. Und das ist der gleiche Spirit wie Hip-Hop.

Es geht nur um Mindset, es ist ein philosophischer Ansatz.

Barrieren, Experimentieren und Graffiti als Kunst im öffentlichen Raum

Reza Mehman:

Wir reden von 20, 30 Jahren in der Vergangenheit, wo du die ersten Schritte gemacht hast und diese Barrieren überwunden hast. Wo siehst du im Vergleich heute Barrieren, die durchbrochen werden müssen, im Bereich Hip-Hop, im Bereich Musik?

Torch:

Barrieren, die durchbrechen, das klingt so, als ob ich mir Gedanken gemacht hätte, wo muss ich jetzt durch und da drücke ich. Sondern es war viel weniger Message. Bei „Fremd im eigenen Land“ haben wir eine Message gehabt, weil es etwas war, was Teil von uns war, was stark mit unserer Identität zu tun hatte und was zu diesem Zeitpunkt in Deutschland einfach nicht ausgesprochen war.

Aber das Hip-Hop-Ding war eigentlich das Experimentieren. Für mich war Hip-Hop ein Experimentierfeld, wo ich gar nicht genau weiß, was ich rausballere, sondern wo ich eher experimentiere, um rauszukriegen, was ich machen will.

Graffiti malen zum Beispiel, das war genau das Gleiche. Ich hab damals mit einer Gruppe in Heidelberg den ersten Zug gemalt, Anfang 87. Da war Hip-Hop auch die philosophische Frage, was ist Kunst? Weil da hieß es auch, Kunst ist, wenn du die Techniken erlernst oder auf die Schule gehst. Das Gemälde passiert auf einer bestimmten Fläche, links und rechts davon nicht, und hängt dann in einer Galerie. Und wir Hip-Hopper sind dann die Typen, die denken, O.K., ist ein Weg, aber muss das dieser Weg sein? Wenn du verschiedene kulturelle Hintergründe hast und andere Ideen, die so gar nicht reinpassen.

Graffiti passiert im öffentlichen Raum. Du gehst hin und bemalst einen Zug oder eine Wand und erklärst den Zug zu deiner Leinwand und die Gleise zu deiner Galerie. Oder noch besser, die Stadt, der ganze öffentliche Raum ist deine Galerie. Kunst nicht nur als Produkt zu verstehen, sondern als Way of Life. Wie wir uns stylen, die Mütze ein bisschen schief, die Schnürsenkel aus den Halbschuhen des Vaters raus, schon ist es Dying Well. Die Attitude, zu gucken, was kann ich damit experimentieren, wie kann ich das flippen. Style ist schon Kunst.

Erwartungen an die Kunst: Von mir raus, nicht für dich

Reza Mehman:

Hast du Erwartungen an deine Kunst? Im Sinne von, bist du mit der Erwartung in „Fremd im eigenen Land“ reingegangen, das verändert jetzt einiges?

Torch:

Super Frage. Ich glaub, bei „Blauer Samt“ könnte ich es am ehesten so greifen. Es ist grundlegend weniger gedacht an die Menschen, sondern eher aus dir heraus. Das Wichtigste ist nicht von mir an dich, sondern von mir aus mir raus. Das ist, glaub ich, der wichtigste Schritt.

Die Idee bei „Blauer Samt“ war zum Beispiel nicht, ein Rap-Album zu machen und dann ein Buch zu schreiben, sondern die Grundidee war, ein Werk zu schaffen, das gleichzeitig als Platte erscheint und als Buch, also nicht klar definiert ist. Jeder Businessmann würde jetzt fragen, wer ist die Zielgruppe. Da kommt der Künstler und sagt, I don’t care. Es geht um die Idee.

Als Hip-Hopper sehe ich mich nicht als Musiker oder als Maler, ich bin all das. Ich bin Unternehmer. Als Hip-Hopper bist du Unternehmer, du bist nicht angestellt, sondern du planst Unternehmen, ob es eine Jam ist, was wir machen. Funkboat Party, 360-Grad-Sommerjam, das sind Veranstaltungen, die jedes Jahr passieren, wo Menschen aus ganz Europa zusammenkommen, um die Hip-Hop-Kultur zu zelebrieren in all ihren Formen.

Reza Mehman:

Du unterscheidest schon zwischen Künstler und Unternehmer?

Torch:

Ja, aber ich weiß nicht genau, wo der Cut ist, und ich will es auch gar nicht wissen. Wenn ich zum Beispiel Texte schreibe, was bin ich dann, Autor? Während ich schreibe, bin ich einfach nur ein Typ, der um 5 Uhr morgens versucht, seine Gefühle zu fassen. Ich bin ganz allein, das ist wie ein meditativer Rauschzustand. Das kann nicht intimer werden. Und dann schreibt man diese Texte, um sie allen zu erzählen. Das ist schon mal völlig verrückt.

Dann stellst du dich ins Studio, weil du dich entschlossen hast, das jetzt zu rappen. Und dann musst du spätestens jetzt an ein Publikum denken. Es geht um Kodierer, Dekodierer. Du musst dir dein Publikum vorstellen. Am besten denkst du nicht an wirklich bestimmte Leute, weil du bist ja kein Dienstleister. Du schaffst etwas, was noch nicht da war. Du baust eine neue Welt. Du stellst dir einen Hörer vor, der sich dafür interessieren könnte, einen Freund, den du noch vielleicht nicht hast, den du gerne hättest.

Ich mach ja alles selbst. Platten, ich mach alles selber. Am Anfang war eine Plattenfirmen-Kooperation, aber ich hab das so gedealt, dass die Rechte zurückfallen.

„Warum nur ein Album?“ und die Frage hinter der Frage

Reza Mehman:

Du bringst so ein krasses Album raus, „Blauer Samt“, das war 2001, und seitdem hast du keine weiteren Alben mehr unter dem Namen Torch rausgebracht. Warum nur ein Album und das war es erstmal?

Torch:

Die Frage höre ich auch. Sonst gibt es noch die Frage, wann kommt das nächste Album? Ich denk selber darüber nach. Nicht, warum mach ich nicht noch ein Album, sondern warum denkt man, dass man mehrere Alben machen muss? Mhm, ja, wieso macht man überhaupt Alben? Das ist schon mal die erste Frage.

Reza Mehman:

Du stellst sehr grundsätzliche Fragen, merke ich.

Torch:

Ich bin, das ist das, was ich wirklich versuche den Leuten zu erklären, dass ich auch als Kind diese Frage, dieses Experimentieren, im Vordergrund hatte. Rauszukriegen, was Musik ist, indem man nicht mit Musikinstrumenten spielt, sondern mit Musikstilen spielt. Das ist Hip-Hop. Du nimmst die verschiedenen Musikstile und spielst mit ihnen, mit den Elementen. Das ist ein Forscher, du bist Forscher, das ist ein Forschungsfeld.

Du suchst nach Samples. Was ist ein Sample? Leute haben jetzt gelernt, ein Sample ist ein Stück Musik. Aber wer sagt, dass das nur so geht? Ich kann auch den Titel „Blauer Samt“ sampeln. Ich kann auch Gefühle sampeln. Die Idee, was blau ist, etwas Kühles, Samt ist etwas Weiches, ist ein bisschen konträr zueinander. Und das ist der Witz, du sammelst blau und sammelst Samt und setzt es zusammen, und dann ist es blauer Samt, und was ist es jetzt? Ein Fragezeichen.

Darum geht das Buch ja auch. Es geht um Philosophie, es geht um Fragestellungen und eben nicht Ausrufezeichen rausballern. Hip-Hop ist faszinierend.

Rap ist eine klare direkte Sprache. Es ist nicht versteckt hinter Melodien, es ist nicht versteckt hinter Strophenaufbaustrukturen, sondern es ist einfach pal in your face. Und deswegen sagen manche, Rap ist keine Musik, vielleicht haben die Leute recht, nur anders als sie denken. Es ist definitiv demokratisch, jeder kann jetzt direkt mitmachen. Du musst nicht aufs Konservatorium, du musst nicht diese typischen historisch gewachsenen Wege gehen, um Anerkennung zu bekommen. Diese ganzen Sachen sind von Päpsten und Königen gegründet worden. Und genauso wird auch performt, von oben herab, das Publikum schweigt. Und Rap hat was Anarchistisches, aber auch eine eigene Ordnung.

Scheitern, Resilienz und die Danksagung im Buch

Reza Mehman:

Du hast gleich am Anfang des Buches geschrieben: „Ich danke allen, die mich bestohlen, betrogen, verraten, verletzt, sabotiert, kopiert, boykottiert oder vergessen haben. Ihr habt mir gezeigt, dass man an sich und seinem Charakter stets hart arbeiten muss.“ Erklärt das mal bitte.

Torch:

Mein Leben, wenn ich es zusammenfassen müsste. Ich hab unheimlich viel erreicht. Als Zwanzigjährigem waren wir schon im Fernsehen, hatten Erfolge, sind getourt, hatte eine Fernsehsendung. Ich hab viel, viel mehr erreicht, als ich mir je hätte vorstellen können. Ich wollte auch nie Musiker werden. Dieses Hip-Hop-Feld, wo ich einfach alles ausprobieren kann, selbst autodidaktisch, self-empowered, wo ich mich selber hochziehen kann und dahin bringen kann, wo ich hin will, war einfach interessant.

Und dann irgendwann sagst du, ah, O.K., ich hab eine Karriere, wusste ich gar nicht. Die Wahrheit ist, und das geht vielen so, 9 von 10 Sachen hat man ja nicht erreicht. Die Leute sehen nur, du bist der Erste, du hast das geschafft, aber du selber weißt, dass dein Leben, obwohl du so viel erreicht hast, eigentlich eine Anhäufung von Scheitern ist, von Misserfolgen und Rückschlägen.

„Fremd im eigenen Land“ war, wie gesagt, der erste Song zu diesem Thema, hat unheimlich viel bewegt und bis heute einen extremen Stellenwert, hat aber nie einen Preis bekommen. Wir warten noch. Es ist ein unheimlicher Kampf, weil es keinen vorgefertigten Weg gibt für das, was wir da machen. Alles was wir machen, stellen wir einfach in den leeren Raum, und Leute müssen dann damit klarkommen. Und man wird kopiert, man wird extrem aufgehalten. Nur die Leute sehen, was gut funktioniert, aber man selber kennt den Struggle.

Sich nicht von diesen Rückschlägen unterkriegen zu lassen oder emotional daran zu zerbrechen, das ist eben, was ich verstanden hab. Man darf sich nicht davon ablenken lassen, man muss bei sich bleiben. Resilienz im Endeffekt. Das wird ja jeder Boxer auch sagen, dass es nicht die Schläge sind, die du austeilst, die dich zum Gewinn bringen, sondern die Schläge, die du einstecken kannst.

Reza Mehman:

Vielleicht noch der Folgesatz: „Ich bewundere alle, die vergeben können.“ Bedeutet das, dass du nicht gut vergeben kannst?

Torch:

Und wer kann das gut?

Reza Mehman:

Ich hab mittlerweile gelernt, ich vergebe Dinge nicht mehr, um dem anderen Menschen zu vergeben, sondern damit ich entspannter bin.

Torch:

Genau, aber man ist ja keine Maschine. Die Emotionen, man ist ja emotionaler Mensch, und cool zu bleiben, eine kühle Wand zu sein, aber trotzdem emotional, das ist eine Lebensaufgabe. Ich glaube, es geht darum, dass man sich von den negativen Emotionen nicht verleiten lassen soll, nicht vom Kurs abbringen lassen soll. Das ist Distraction. Man muss bei sich bleiben. Aber ich hab das vor 20 Jahren geschrieben, da war ich noch jünger. Mit 50 bin ich auf jeden Fall weiter.

Wenn man jünger ist, lässt man sich auch von Zuschreibungen schneller irritieren. Du bist noch nicht viel, weißt noch nicht genau, was du willst, und dann sagt dir jemand, das kannst du nicht, du bist das und das. Und du willst dich dagegen wehren, aber weißt nicht, vielleicht haben die Leute recht. Während, wenn du dann 50 bist, hast du deine Lebenserfahrung. Du weißt, wer du bist, weil du einen Weg gegangen bist. Du bist mehr bei dir.

Wer bin ich? Identität als Mosaik

Reza Mehman:

Du hast schon die perfekte Einleitung gemacht zu dem Thema, wer bin ich. Viele definieren sich über den Job, über die Titel, über den Arbeitgeber, über Rollen, die sie haben, Vater, Sohn, Tochter, Mutter. Ich hab für mich irgendwann gemerkt, ich möchte authentisch sein, aber ich kann nicht überall gleich authentisch sein. Für meinen Sohn, für meine Tochter bin ich irgendwo ein Vorbild und da nehme ich eine andere Rolle ein als im Job oder mit Freunden. Wie bist du an diese Frage herangegangen? Was würdest du deinen Kindern sagen, wenn die fragen, hey Papa, wer bin ich überhaupt?

Torch:

Ja, ich hab ja den ganzen Song darüber, ich hab eine Erklärung zu dem Song extra darüber. Da geht es darum, dass viele Leute sich selbst reduzieren, limitieren auf Beruf oder Doktortitel. Es ist schön, wenn man so einfach ist und damit zufrieden ist. Ich denke nicht, dass es so einfach ist. Man muss erst begreifen, dass Identität nicht was Einfaches ist. Identität hat ganz viele Schichten, weil man bei verschiedenen Menschen verschieden ist. Bei deinen Kindern bist du jemand anders als bei der Arbeit. Beim Finanzamt bist du eine Steuernummer. Das heißt, die Identität ist ein Mosaik.

Und du hast jetzt das Problem, aus diesen ganzen Mosaiksteinen dein klares Bild zu erkennen oder zu wissen, welcher Teil ist für dich der wichtigste. Ich denke, dass Leute, die aus verschiedenen Kulturen kommen, mein Vater kommt aus Ostpreußen, meine Mutter aus Haiti, ich bin hier in Heidelberg aufgewachsen, dass wir es erstmal schwieriger haben, weil wir uns erklären müssen. Aber das ist unser Vorteil. Weil wir uns erklären müssen, setzen wir uns täglich viel bewusster damit auseinander.

Der Witz ist, dass alle Menschen keine klare Identität haben, sondern eine vielschichtige, nur sie werden nicht bewusst dazu gestoßen, sich damit auseinanderzusetzen. Und deswegen haben wir einen Vorteil. Wenn man dir die ganze Zeit sagt, das und das ist nicht Deutsch, fragst du natürlich im Umkehrschluss, was ist Deutsch? Was der Deutsche sich nicht fragt, weil er einfach sagt, it is what it is.

Für mich ist es ganz klar, Identität hat sehr viele Layers. Und wie du selbst gemerkt hast, es verändert sich, Sachen, die dir mit 20 wichtig sind, sind mit 50 was anderes. Es ist was Komplexes. Und das Problem ist, dass Leute dieses komplexe Gesamtkunstwerk runtergebrochen haben wollen in ein klares Bild. Und darum geht es witzigerweise auch hier. Leute wollen wissen, was ist Blauer Samt, was ist Hip-Hop. Und der Witz ist, du bist verleitet, klare Bilder zu geben. Rapper, Plattenfirmen, wir alle bieten klare Bilder an. Nur das ist nicht Hip-Hop.

Blauer Samt beschäftigt sich genau damit. Blau und Samt ist kein klares Bild. Es ist sogar das Gegenteil von einem klaren Bild. Du hörst „Blauer Samt“ und fragst dich, was ist das? Es sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen, so wie vermeintlich meine Herkunft. Passt nicht zusammen, aber ist gemixt wie ein Mixtape zu einem funky Dude, der hier jetzt im echten Leben performt. So wie Hip und Hop zu Hip-Hop wird, wird Blau und Samt zu „Blauer Samt“.

Und es geht um Gefühle. Wir sind oft verleitet, Gefühle immer genau zu erklären, bist du glücklich, bist du unglücklich. Ich bin der Meinung, dass man meistens nicht ganz klar glücklich oder ganz klar unglücklich ist. Irgendwas. Und das ist blauer Samt. Business funktioniert immer mit klaren Bildern. Die verkaufen dir Glück oder verkaufen dir Unglück. Und du weißt selber, wenn Leute dir klare Bilder verkaufen, bin ich vorsichtig.

Reza Mehman:

Du hast auch was richtig Schönes geschrieben: Klare Bilder schaffen Vertrauen. Wenn man aber zu sich selber steht mit allen Widersprüchen, ist ein klares Bild schwierig.

Torch:

Das, genau. Das war eben der Punkt. Und interessanterweise, ein Satz, den du auf dem Album von Klaus Kinski gefunden hast. Das ist ein Fernsehinterview. Das hab ich auf VHS aufgenommen damals und hab das ganze Interview durchgehört, eineinhalb Stunden. Was ich gemacht hab ist, ich schau mir das Interview nicht an, sondern ich hör es mir an. Bilder hören und nicht Töne sehen. Und hab dann diesen Satz gehört, völlig aus dem Kontext gerissen: „Ich bin das, deswegen bin ich nichts.“

Genau, weil mir dann klar war, dass wenn du was sein willst in der Welt, musst du klare Bilder verkaufen, Ausrufezeichen verkaufen, das verstehen die Leute, klare Bilder schaffen Vertrauen. Aber wenn du zu dir selbst stehst, ist es kein klares Bild. Wir wissen alle, dass niemand 100% männlich oder 100% von irgendetwas ist. Du bist kein klares Bild. Und du musst damit den Frieden machen. Es ist in Bewegung.

Reza Mehman:

Wenn ich es in deinen Worten sagen kann, statt ein Ausrufezeichen, halt das Fragezeichen.

Torch:

Und das war das. Gerade im Rap, Rap ist eine klare Sprache. Warum hat man jetzt noch Rap gebraucht? Und die andere Frage, wieso ist Rap die meistgehörteste Musik der Welt? Musikwissenschaftlich alles Mögliche abgearbeitet, und dann kommt auf einmal irgendein komischer Quatsch um die Ecke, der alles wegdrückt. Weil Rap etwas ist, was es vorher in der Mainstream-Musiklandschaft noch nicht so gegeben hat. Eine klare direkte Sprache. Pal in your face. Und wenn ich mal eine Jam organisiere, jeder Rapstar weiß, dass er jederzeit von einem Typ im Publikum gebattled werden kann. Das ist Teil dieser Kultur. Es gibt keine Sicherheiten.

Zwei Seiten einer Medaille: Hip-Hop als Yin und Yang

Reza Mehman:

Das finde ich mega, dieses Thema, zwei Seiten, wenn du sagst, etwas ist schön, dann gibt es auch etwas, was unschön ist, und das gleichzeitig. Ich hab sehr lange gebraucht, das zu verstehen. Wann hast du das verstanden?

Torch:

Dass man beides einfach als ein Ding akzeptiert, das ist das, was Leute verstehen müssen. Der Name Hip-Hop, was bedeutet das? Kann, das bedeutet nichts. Aber warum hält sich das als Name? Weil es eben interpretierbar ist und perfekt ist. Es ist hip und hop. Es ist nicht ein Ding, sondern es ist Yin Yang Hip-Hop. Es ist eben etwas, was widersprüchlich ist und mit sich kämpft.

Reza Mehman:

Was für einen Menschen siehst du dich selbst?

Torch:

Du willst immer noch auf dieses „Wer bin ich?“ Ich bin jemand, der extrem extrovertiert ist. Ich bin outgoing, ich nehm das Mike, geh auf die Bühne, yo, was geht ab, bababam. Das war früher nicht einfach in der Gesellschaft. Als ich aufgewachsen bin, war eher, Eigenlob stinkend, man lacht nicht über seine eigenen Witze. Sorry, that’s me.

Aber gleichzeitig bin ich auch ein Nerd und ein Beobachter. Gleichzeitig. Das ist das Ding. Und deswegen war Hip-Hop mein Ding, weil ich eben nicht nur Frontman bin, sondern auch Wissenschaftler. Ich bin nicht nur Musiker, sondern auch Wissenschaftler und Historiker. Das ist der Witz. Ich bin das alles und Hip-Hop erlaubt mir, das alles zeigen zu dürfen, weil die Schubladen nicht so eng sind.

Identität als Entwicklung: Wer du sein willst, wie du dich verhalten sollst

Reza Mehman:

Gesetzter Fall, ich möchte mich in irgendeine Richtung entwickeln, zu einer gewissen Person werden, gewisse Eigenschaften haben, die ich Stand heute noch nicht habe. Ich hab mal gehört, wenn du ein Bild von dir hast, wie du in der Zukunft sein möchtest, verhalte dich heute schon so. Ich wollte einen Podcast starten und fang mit der ersten Podcastfolge an, aber bin eigentlich noch kein Podcaster. Das war schon schwierig für mich, mich so zu verhalten, als ob ich ein Podcaster bin.

Torch:

Ab wann bist du ein Podcaster?

Reza Mehman:

Ich weiß es nicht.

Torch:

Das ist ja genau der Punkt. Wenn es keine klare Definition gibt, ab wann du es wirklich bist, kannst du es auch sein, bevor du es bist. Das ist der Punkt. Wir klammern uns so an Definitionen, die andere Leute aufgestellt haben, die das erfunden haben. Man muss begreifen, dass man selber auch einfach alles erfinden kann. Was ist ein Papst, was ist ein König, was ist eine Universität? Wir haben das so verinnerlicht, dass wir gar nicht begreifen, dass das irgendwann einer aus einer guten Laune erfunden hat. That’s where Hip-Hop is at. Wir sind keine Musiker, wir finden Musik.

Als Graffiti-Writer war der ganze Lifestyle fast wichtiger als das Bild selbst. Wenn ich durch die Stadt laufe, sehe ich die Stadt als Kunst. Ich sehe jede Wand und überlege, da müsste ein Bild hin. Wie ich die Wand anschaue, meine Körperhaltung schon ist Teil von dem Ganzen. Ich bin wie ein Stadtplaner, ich bin Architekt. Du musst es in deinem Kopf schaffen. Alles, alles, was es gab, gab es erst als Idee.

Reza Mehman:

Ich hab es verstanden, du nimmst so verschiedene Identitäten für dich an. Welche Identitäten von dir möchtest du gerne weiterentwickeln?

Torch:

Also das sind zwei Antworten. Also bis jetzt hab ich es immer gemacht: Wenn ich mich als Rapper langweile, dann bin ich DJ. Wenn ich mich als DJ nicht weiterentwickeln kann, bin ich Unternehmer. Wenn ich als Unternehmer merke, ich brauch Urlaub, dann bin ich Poet. Kurz gesagt, ich bin beruflich nicht festgelegt, war ich nie. Leute sagen, hey, du bist Rapper, du bist Musiker, und ich versteh das, weil das vielleicht der erfolgreichste Teil von mir ist, der am meisten rüberkommt. Vielleicht mach ich das auch am besten. Aber ich persönlich seh mich nicht so, ich leg mich nicht fest.

Und der zweite Teil der Antwort hat mit meinem Alter zu tun. Als Kind war für mich Tanzen und Malen am wichtigsten. Umso älter ich werde, verschiebt sich das. Jetzt möchte ich lieber Sachen im Sitzen machen. Vor 50 war die Idee, überhaupt sitzend zu arbeiten, undenkbar. Ab 50 ist es perfekt, das ist mein Ding. Lesungen und Vorträge. Ich hätte dieses Interview früher nicht gemacht, nicht weil ich nichts zu sagen hätte, sondern weil ich Interviews nicht verstanden hab.

Für mich waren Interviews immer Missverständnisse. Der Künstler und der Journalist wollen nicht das Gleiche. Ich hab mich gefühlt, als ob ich als Künstler der Welt versuche weiszumachen, dass ich ein Magier bin, der einen Zaubertrick hat. Und der Journalist will meinen Zaubertrick aufdecken. Was man dann sieht, ist wahrscheinlich nur der verkrampfte Kampf zwischen zwei verschiedenen Interessen. Ich fand es besser, wenn wir Bücher schreiben, Schallplatten machen, Monologe halten.

Locationwechsel: Das Heidelberger Schloss und Torchs Heimat

Reza Mehman:

Also, ich habe mir diese schöne Location natürlich nicht ohne Grund ausgesucht. Erstens, ich liebe Heidelberg. Und jeder, der Torch kennt, weiß, Torch ist aus Heidelberg. Du hast Heidelberg vor einigen Jahren verlassen und bist nach Zürich gezogen, obwohl du einen ganz starken Bezug zu Heidelberg hast. Was bedeutet Heidelberg für dich, und warum bist du als so krasser Heidelberger, der am Hip-Hop-Archiv in Heidelberg mitarbeitet, hier weggezogen?

Torch:

In dem Lied „Heidelberg“ von Advanced Chemistry sage ich das schon, dass ich die Stadt körperlich verlasse, aber nicht geistig. Das ist meine Heimat. Und das Witzige ist, es ist ja nicht nur meine Heimat, die mich geprägt hat, sondern es ist meine Heimat, die auch ich geprägt habe. Dadurch, dass ich ein Teil, wie du schon sagst, von einer bestimmten Generation ein Bild gezeichnet hab von dieser Stadt, ist es ja meine Stadt. Es soll nicht arrogant klingen, sondern eher, dass ein bestimmtes Bild von Heidelberg meine Generation ja mit kreiert hat und deswegen ist es ja Teil meiner Identität.

Körperlich habe ich es verlassen, obwohl es weiterhin mein Hauptwirkungsort ist. Es ist meine Heimat und der Ort, mit dem man mich verbindet. Es ist nicht mehr vielleicht mein Lebensmittelpunkt, wo ich die meiste Zeit bin, aber es ist mein Hauptwirkungsort. Die ganzen Jams sind hier, das Archiv machen wir hier.

Das wichtigste Mindset: Den eigenen Ideen vertrauen

Reza Mehman:

Torch, wir sind auch jetzt sozusagen am Ende des Podcasts, und eine Frage stelle ich jedem Gast: Welches Mindset hatte den größten und wichtigsten Einfluss in deinem Leben?

Torch:

Also, ich denke, diese Mischung aus Disziplin, Selbstdisziplin, Ehrgeiz und sehr viel Flexibilität, flexibel bleiben. Hip-Hop ist sehr flexibel. Das hat mir, glaube ich, sehr viel geholfen, dahin zu kommen, wo ich bin, und meine Ideen umzusetzen.

Aber davor ist noch ein wichtigerer Punkt, und zwar seinen eigenen Ideen zu vertrauen. Ich habe ganz oft gehört von Leuten, die sagen, sie haben keine Ideen, keine Vision, kein Konzept. Ich glaube das gar nicht. Ich glaube, dass die meisten Menschen sehr viele Ideen haben. Aber sie verwerfen sie wieder, sie trauen sich nicht nur nicht zu, die Ideen umzusetzen, sondern viele Leute verbieten sich sogar, die Ideen zu haben. Utopien zu haben. Sie sagen, das ist eine Utopie, das geht ja eh nicht, weil sie das so gelernt haben, weil Lehrer, Eltern das verworfen haben.

Ich hab das Glück, wahrscheinlich auch über meine Eltern oder meine Mutter oder meinen kulturellen Background, dass ich so bestärkt wurde, an mich und meine Ideen auch glauben zu dürfen. Was nicht heißt, dass jede dumme Idee Sinn macht. Wie gesagt, 9 von 10 Sachen funktionieren nicht. Vor allem nicht nur, weil die Ideen nicht funktionieren, sondern weil du auch Leute hast, die dagegen arbeiten. Nicht jeder hilft dir.

Aber grundlegend mir selbst zu erlauben, an meine eigenen Ideen zu glauben, ist, glaube ich, der allerwichtigste Part. Und dann kommt noch Disziplin, das kommt alles noch drauf. Dann zu pushen, aber erstmal zu sagen, das könnte gehen. O.K., ich mag die Idee, das ist Teil von mir, that’s me.

Reza Mehman:

Mega, Torch, 1000 Dank für deine Zeit, hat richtig Spaß gemacht. Ich hoffe auch, dass wir bald wieder miteinander sprechen.

Torch:

Auf jeden Fall.

Reza Mehman:

Ich danke dir.

Torch:

Danke, Reza.


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Namen und Begriffe

Torch, Frederik Hahn, Reza Mehman, Advanced Chemistry, Blauer Samt, Fremd im eigenen Land, Project Mindset, Heidelberg, Zürich, Klaus Kinski, Roberto Blanco, Boney M, Face Two, Hip-Hop, Graffiti, Breakdance, Sampling, Freestyle, DJ, Dekodierer, Kodierer, Yin Yang, Heidelberger Schloss, 360-Grad-Sommerjam, Funkboat Party, Hip-Hop-Archiv Heidelberg


Zitierfähige Passage

Torch, einer der Gründer von Advanced Chemistry und Pionier des deutschsprachigen Hip-Hop, beschreibt Identität als Mosaik aus vielen Schichten, das sich ein Leben lang verändert.
Mit dem wegweisenden Song „Fremd im eigenen Land“ (1992) brachte er die Frage der deutschen Identität aus der Perspektive von Menschen mit Migrationshintergrund erstmals in den deutschen Medien-Mainstream.
Für Torch ist Hip-Hop kein Musikstil, sondern ein philosophischer Forschungsansatz: Fragen stellen, Definitionen hinterfragen, eigene Wege erfinden.
Das wichtigste Mindset in seinem Leben war es, sich selbst zu erlauben, an eigene Ideen zu glauben, auch wenn neun von zehn Dingen scheitern.
„Klare Bilder schaffen Vertrauen. Wenn man aber zu sich selber steht mit allen Widersprüchen, ist ein klares Bild schwierig“, so Torch im Gespräch mit Reza Mehman auf dem Heidelberger Schloss.

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