Heidelbergs Hip-Hop-Pionier über Mindset, Leidenschaft, Identität und kulturelles Erbe
Einleitung
Toni L., einer der bedeutendsten Hip-Hop-Pioniere Heidelbergs und Mitglied der legendären Gruppe Advanced Chemistry, spricht in diesem Podcast-Gespräch offen über 40 Jahre Leidenschaft für Hip-Hop, Funk und kulturelle Bildung. Als Toni Landomini – so sein bürgerlicher Name – ist er nicht nur Rapper, sondern auch Koch, Familienvater, Moderator und Mitgründer des Freien Hip-Hop-Instituts Heidelberg. Im Gespräch erfahren wir, wie ein introvertiertes Schlüsselkind durch Musik, Tanz und den Einfluss seiner vielfältigen familiären Wurzeln zu einer prägenden Stimme des deutschen Hip-Hops wurde. Er reflektiert über Wachstum, Disrespekt, Authentizität und die Frage, was Erfolg wirklich bedeutet. Gleichzeitig macht er deutlich, warum Hip-Hop für ihn mehr als Musik ist – nämlich ein Kulturgut, ein Heilmittel und ein Instrument gegen Hass und Angst in der Gesellschaft.
Zusammenfassung
1-Satz-Version: Toni L. blickt im Podcast auf 40 Jahre Hip-Hop zurück und erklärt, wie Funk, Familie, Freundschaft und Authentizität sein Leben und seinen Mindset geprägt haben.
3-Satz-Version: Toni L., Rapper, Koch und Mitgründer des Freien Hip-Hop-Instituts Heidelberg, erzählt im Gespräch von seinen Anfängen als introvertiertes Kind und dem Einfluss seines afroamerikanischen Bonusvaters auf seine Musiksozialisation. Er reflektiert die 40-jährige Freundschaft mit Torch (Frederik Hahn) und deren gemeinsamen Weg durch Hochs und Tiefs des deutschen Hip-Hops. Dabei wird deutlich: Für Toni L. ist Erfolg nicht Ruhm, sondern Teil einer Geschichte zu sein – und das Kind in sich lebendig zu halten.
5-Satz-Version: Toni L. wurde als Toni Landomini in Heidelberg geboren und fand durch Gitarre, Breakdance und die Schallplattensammlung seines afroamerikanischen Bonusvaters zur Musik des Funk, Soul und schließlich Hip-Hop. An der Internationalen Gesamtschule Heidelberg begegnete er frühen Hip-Hop-Pionieren wie Linguist, Torch und Gonz, die gemeinsam den Grundstein für Advanced Chemistry legten. Im Podcast spricht er offen über Momente des Zweifelns, über Disrespekt durch Generationswechsel und darüber, wie er als Solokünstler auf der Bühne zu sich selbst fand. Er erklärt, warum er Erfolg nicht in Plattenverkäufen oder Reichweite misst, sondern in der Teilhabe an einer kulturellen Bewegung, die heute als immaterielles UNESCO-Erbe anerkannt ist. Mit dem Freien Hip-Hop-Institut setzt er dieses Erbe fort – als lebendiges Archiv, als Bildungsort und als Beweis, dass Hip-Hop ein Heilmittel gegen gesellschaftliche Angst und Hass sein kann.
Kontext: Wer, Was, Warum
Wer spricht: Reza Mehman, Podcast-Host aus Heidelberg, führt das Gespräch mit Toni L. (Toni Landomini), Rapper, Koch, Moderator und Mitglied von Advanced Chemistry. Toni L. ist Mitgründer des Freien Hip-Hop-Instituts Heidelberg und eine der prägenden Figuren der deutschen Hip-Hop-Geschichte.
Worum geht es: Das Gespräch dreht sich um Tonis persönlichen Werdegang, sein Mindset, die Freundschaft mit Torch, die Bedeutung von Leidenschaft, den Umgang mit Disrespekt und Zweifeln sowie die kulturelle Verantwortung, die er durch das Freie Hip-Hop-Institut übernimmt.
Warum ist das relevant: Heidelberg gilt als Geburtsort des deutschsprachigen Hip-Hops. Advanced Chemistry war nicht nur musikalisch, sondern auch politisch und gesellschaftlich wegweisend. Der Heidelberger Hip-Hop wurde von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt – ein Meilenstein, an dem Toni L. maßgeblich beteiligt war.
3 Kernfragen, die beantwortet werden:
- Wie bleibt man 40 Jahre lang leidenschaftlich für eine Sache?
- Was bedeutet Erfolg für einen Hip-Hop-Pionier jenseits von Ruhm und Verkaufszahlen?
- Welche Rolle spielt Hip-Hop als Kulturgut und gesellschaftliches Instrument heute?
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung – Überblick über das Gespräch mit Toni L.
- Zusammenfassung – Das Wichtigste in 1, 3 und 5 Sätzen
- Kontext – Wer spricht, worum es geht und warum es relevant ist
- Themen und Einordnung – Themenbereiche und Keywords des Gesprächs
- Kern-Aussagen – Die prägnantesten Botschaften aus dem Interview
- Häufig gestellte Fragen – Antworten auf die zentralen Fragen des Gesprächs
- Highlight-Zitate – Die stärksten Aussagen von Toni L. im Originalton
- Das vollständige Gespräch – Das aufbereitete Transkript mit Zwischentiteln
- Keywords – SEO-relevante Begriffe zum Beitrag
- Namen und Begriffe – Schreibweisen aller wichtigen Personen und Orte
- Zitierfähige Passage – Ein direkt verwendbarer Absatz für Zitate und Quellenangaben
Themen und Einordnung
1. Biografie und Herkunft
Toni L. schildert seine Kindheit als Schlüsselkind und Scheidungskind in Heidelberg, die prägende Rolle seines afroamerikanischen Bonusvaters und seinen Weg von der Gitarre über Breakdance zum Rap.
Keywords: Toni Landomini, Heidelberg Hip-Hop Geschichte, Advanced Chemistry Gründung
2. Freundschaft, Crew und Zusammenarbeit
Die 40-jährige Beziehung zu Torch (Frederik Hahn) und Linguist (Kofi Jagpo) wird als tragender Pfeiler seiner künstlerischen Karriere beschrieben – nicht nur auf der Bühne, sondern besonders in den Zwischenzeiten.
Keywords: Torch Heidelberg, Advanced Chemistry, Hip-Hop Crew
3. Mindset, Wachstum und Authentizität
Toni L. reflektiert über Introversion, Angstüberwindung, den Umgang mit Disrespekt und die Bedeutung von Authentizität auf der Bühne und im Leben.
Keywords: Mindset Hip-Hop, Introvertiert Bühne, Authentizität Rapper
4. Erfolg, Leidenschaft und Lebenssinn
Erfolg definiert Toni L. nicht über Status oder Verkaufszahlen, sondern über die Teilhabe an einer kulturellen Bewegung und die Fähigkeit, das Lieblingsprojekt als Lebensinhalt zu leben.
Keywords: Erfolg definieren Hip-Hop, Leidenschaft Beruf, Funk Joker
5. Kulturelles Erbe, Bildung und gesellschaftliche Verantwortung
Das Freie Hip-Hop-Institut Heidelberg, das UNESCO-Erbe und die Rolle von Hip-Hop als Instrument gegen Hass, Angst und gesellschaftliche Spaltung stehen im Mittelpunkt des zweiten Gesprächsdrittels.
Keywords: Freies Hip-Hop-Institut Heidelberg, UNESCO immaterielles Kulturerbe, Hip-Hop kulturelle Bildung
Kern-Aussagen
- Toni L. ist seit über 40 Jahren aktiv in der Hip-Hop-Kultur Heidelbergs und gilt als Mitbegründer der deutschen Hip-Hop-Bewegung.
- Sein afroamerikanischer Bonusvater brachte Funk, Soul, Rap, Jazz und Blues in sein Elternhaus und legte damit den musikalischen Grundstein für seine Karriere.
- Die Freundschaft mit Torch (Frederik Hahn) war entscheidend für seine künstlerische Entwicklung: Torch erkannte Toni L.’s Rap-Skills, bevor dieser sie selbst voll einschätzen konnte.
- Als introvertierter Mensch fand Toni L. in der Bühne ein Ventil, um innere Tiefe nach außen zu bringen – und sieht darin eine Botschaft für alle stillen Menschen.
- Erfolg bedeutet für ihn nicht Superstardom, sondern Teil einer historischen kulturellen Bewegung gewesen zu sein und davon leben zu können, was man liebt.
- Disrespekt und Generationswechsel im Hip-Hop begegnet Toni L. mit Gelassenheit: Wer cool bleibt, zeigt Stärke, keine Schwäche.
- Hip-Hop, Kochen und Musik teilen für ihn dieselben Grundprinzipien: Kreativität, Rhythmus, Leidenschaft und das Teilen des Ergebnisses mit anderen.
- Das Freie Hip-Hop-Institut Heidelberg wurde gegründet, um Hip-Hop als Kulturgut zu bewahren, zu erforschen und lebendig zu halten – über Kommerz und Klickzahlen hinaus.
- Kultureller Austausch ist für Toni L. die wichtigste Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens – und Hip-Hop ein Heilmittel gegen Angst, Hass und Rassismus.
- Das größte Lebensmotto, das ihn prägt: das Kind in sich lebendig halten – inspiriert von Pablo Neruda und vorgelebt durch Nelson Mandelas Haltung.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Toni L. und was hat er mit Advanced Chemistry zu tun?
Toni L., bürgerlicher Name Toni Landomini, ist ein Heidelberger Rapper, Koch und Kulturaktivist. Er ist eines der Gründungsmitglieder von Advanced Chemistry, einer der ersten und einflussreichsten deutschsprachigen Hip-Hop-Gruppen, die in den frühen 1990er Jahren durch politisch-bewussten Rap und die Forderung der deutschen Staatsbürgerschaft für Menschen mit Migrationshintergrund bekannt wurden.
Wie kam Toni L. zum Hip-Hop?
Toni L. kam über Gitarre und Breakdance zur Musik. Den entscheidenden Einfluss brachte sein afroamerikanischer Bonusvater John, der Funk, Soul, Jazz, Blues und frühen Rap in seinen Haushalt brachte. An der Internationalen Gesamtschule Heidelberg lernte er später Linguist, Torch und andere Pioniere der Heidelberger Hip-Hop-Szene kennen.
Was ist das Freie Hip-Hop-Institut Heidelberg?
Das Freie Hip-Hop-Institut Heidelberg wurde von Toni L., Frederik Hahn (Torch) und Brian Witt gegründet. Es widmet sich der kulturellen Bildung, Forschung und Archivierung rund um den Heidelberger Hip-Hop. Ziel ist es, das kulturelle Erbe des Hip-Hops als lebendiges, wachsendes Archiv zu erhalten und zugänglich zu machen. Mehr Informationen gibt es unter freieshiphopinstitut.de.
Warum ist der Heidelberger Hip-Hop UNESCO-Kulturerbe?
Der Hip-Hop in Heidelberg gilt als Geburtsort des deutschsprachigen Hip-Hops und wurde als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt. Gruppen wie Advanced Chemistry und deren Mitglieder – darunter Toni L., Torch und Linguist – haben die Bewegung von Anfang an geprägt und national wie international verbreitet.
Wie definiert Toni L. Erfolg?
Für Toni L. bedeutet Erfolg, das tun zu dürfen, was man liebt, und davon so leben zu können, dass man glücklich ist. Er misst seinen Erfolg nicht an Plattenverkäufen oder Berühmtheit, sondern an der Tatsache, Teil einer historischen kulturellen Bewegung gewesen zu sein und diese bis heute aktiv mitzugestalten.
Wie schafft man es, 40 Jahre lang für eine Leidenschaft zu brennen?
Toni L. erklärt, dass er nie versucht hat, sich neu zu erfinden, sondern kontinuierlich besser in dem geworden ist, was er liebt. In Tiefphasen hat ihm die Unterstützung seiner Familie – besonders seiner Frau und seiner Kinder – geholfen. Er empfiehlt, geduldig zu sein, nichts überstürzt zu entscheiden und darauf zu vertrauen, dass der richtige Moment kommt.
Welche Parallelen sieht Toni L. zwischen Kochen und Hip-Hop?
Für Toni L. teilen Kochen und Musik dieselbe Grundstruktur: Kreativität, Rhythmus, das Zusammenführen verschiedener Zutaten oder Elemente und das Teilen des Ergebnisses mit anderen. Beides erfordert Leidenschaft und handwerkliches Können, und beides schafft Glücksmomente – sowohl bei der Entstehung als auch beim Empfangen.
Wie geht Toni L. mit Disrespekt und Kritik um?
Toni L. hält sich nicht mehr mit Negativem auf und lässt sich nicht darauf ein. Er ist überzeugt, dass ein ruhiges, gelassenes Auftreten keine Schwäche ist, sondern Stärke. Wer ihn unterschätzt, weil er cool bleibt, irrt sich. Sein Ventil für negative Energie ist die Bühne, auf der er diese in positive Kraft umwandelt.
Welchen Einfluss hatte Torch (Frederik Hahn) auf Toni L.’s Karriere?
Torch erkannte früher als Toni L. selbst dessen außergewöhnliche Rap-Skills. Er ermutigte ihn, organisierte seine erste Aufnahme und begleitete ihn über Jahrzehnte als Freund, Künstler und Rückhalt. Toni L. ist überzeugt, dass seine musikalische Karriere ohne Torch einen anderen Verlauf genommen hätte.
Was bedeutet das „Kind in sich lebendig halten“ für Toni L.?
Inspiriert von Pablo Nerudas Gedanken – „Ein Kind, das nicht spielt, ist kein Kind“ – und Nelson Mandelas Haltung bedeutet das für Toni L., die Freude, Neugier und Spielfreude des Kindes nicht dem Erwachsenenleben zu opfern. Hip-Hop kommt für ihn ursprünglich aus einer kindlichen Energie, und diese lebendig zu halten, macht die Welt besser.
Highlight-Zitate
„Ich war eher so der introvertierte Typ und Torch und Linguist, die Extrovertierten, die sich hinstellen und es genossen haben, im Rampenlicht zu stehen. Und ich hab es genossen, eigentlich hinten zu chillen und die mal machen zu lassen. Aber wenn ich ans Mikrofon gekommen bin, dann wusste ich, dann gibt es Feuer.“– Toni L.
„Wenn derjenige oder diejenige meint, weil ich cool bleibe, dass es eine Schwäche ist, der hat sich richtig getäuscht.“– Toni L.
„Mein Erfolg ist eigentlich, liegt darin, dass ich überhaupt an dieser Geschichtsschreibung teilnehmen durfte.“– Toni L.
„Kultureller Austausch ist die absolute lebensnotwendige Basis von allem. Wenn es das nicht gibt, kommen wir nicht mehr zusammen.“– Toni L.
„Ein Kind, das nicht spielt, ist kein Kind. Und ich finde, dort wo spielende Kinder sind, dort ist das Glück.“– Toni L. (Pablo Neruda zitierend)
„Die größte Herausforderung im Leben ist genau die, dass man sich selber immer besser kennenlernt. Umso besser man sich selbst kennt, seine Schwächen und Stärken gut einschätzen kann – das kann helfen im Leben.“– Toni L.
„Ich glaube, dass Hip-Hop ein wichtiges Instrument ist, ein Heilmittel, um auch jungen Menschen – sowohl jungen als auch Älteren – zu helfen, da durchzukommen und sich gegenseitig zu respektieren.“– Toni L.
Das vollständige Gespräch
Ankommen im Schlosshof: Wer ist Toni Landomini?
Reza Mehman:
Toni, herzlichen Dank, dass du heute im Podcast mit dabei bist. Vielen Dank für deine Zeit.
Toni L.:
Vielen Dank für die Einladung.
Reza Mehman:
Ich durfte vor einiger Zeit mit Torch sprechen, mit Frederik Hahn sprechen im Rahmen des Podcasts, auch hier auf dem Schloss, auf dem wunderschönen Schloss Heidelberg. Und für mich war es eine ganz große Hoffnung, dass direkt nach dem Torch Podcast der Toni L. Podcast kommt. Ich habe lange gewartet und du hast dann endlich gesagt, ja, wir können das jetzt machen – daher ist für mich eine Riesenehre. Ich bin ein Riesenfan von euch. Als Heidelberger seid ihr sozusagen diejenigen, die eine ganze Bewegung gestartet haben. Euch kennt man hier. Hip-Hop in Heidelberg wurde durch euch gestartet. Ihr seid sozusagen die Leuchttürme hier.
Ich hab mich dann irgendwann getraut, dich anzuschreiben, Torch anzuschreiben, zu fragen, ob wir sprechen können. Mir geht es heute im Gespräch gar nicht darum, so tief in die Hip-Hop-Thematik einzusteigen, weil ich glaube, da gibt es viel Content über euch, mit euch. Ich habe mich da auch eingearbeitet, um die Historie zu verstehen, wo ihr herkommt, wie ihr gewisse Sachen gemacht habt. Aber was mich heute insbesondere interessiert: Wer der private Toni ist, was ihn antreibt, welche Herausforderungen er im Leben hatte, was sein Mindset ist – und zu wem du hinaufschaust. Das sind so einzelne Fragen, die ich heute mit dir durchgehen will.
Und die erste Frage – vielleicht auch gleich die schwierigste – wer ist eigentlich Toni L.?
Toni L.:
Willst du jetzt wissen, wer Toni L. ist oder wer Toni Landomini ist?
Reza Mehman:
Fangen wir mit Toni Landomini an.
Toni L.:
O.K., also der Toni Landomini ist auf jeden Fall ein richtig cooler Typ, der sehr gerne Interviews im Schlosshof Heidelbergs gibt. Nein, also er ist durch und durch – das Größte für ihn ist Vater zu sein, er liebt seine Kinder über alles. Ich spreche jetzt nicht in der dritten Person über mich, aber genau: Ich bin hier geboren und aufgewachsen, durch und durch Heidelberger. Ich liebe meine Frau, bin Ehemann seit mittlerweile über 25 Jahren und bin ein Familienmensch. Ich liebe auch mehr – ich bin ein Sohn und bin glücklich darüber, dass auch meine Mutter und mein Vater in der Nähe hier in Heidelberg sind.
Ich liebe Musik, besonders den Funk. Deswegen nennt man mich – oder habe ich mich irgendwann mal als den Funk-Joker bezeichnet – und das ist haften geblieben. Ich bin großer Musikfan und natürlich nicht nur Funk, sondern alles, was funky ist. Das kann jede Musikrichtung sein, wenn es funky ist und grooved und gut ist – dann kann ich da voll und ganz eintauchen und aufgehen und bin glücklich.
Ich bin jemand, der auch gerne was in der Welt bewegt, sofern es möglich ist. Ich bin sehr aktiv in verschiedenen Bereichen, hauptsächlich in der Kultur, in der kulturellen Bildung. Mir ist es sehr wichtig, die Hip-Hop-Knowledge, das Wissen, die Geschichte weiterzugeben – und ich freue mich, wenn es junge Menschen auf ihre Art und Weise weiterleben und weitergeben. Diesen Austausch genieße ich sehr.
Und ich bin auch gerne auf der Bühne. Muss sagen, dass ich eigentlich von Natur aus, als ich ein Kind war, sehr eher introvertiert war. Schlüsselkind, Scheidungskind – der durch Hip-Hop seinen Weg gefunden hat.
Der Weg zur Musik: Gitarre, Funk und ein afroamerikanischer Bonusvater
Reza Mehman:
Wie kam es denn zur Musik, weil du so gesagt hast, dass Musik ein sehr wichtiger Teil deines Lebens war?
Toni L.:
Ja, ich bin zur Musik gekommen eigentlich schon sehr früh, indem ich angefangen hab, Gitarre zu spielen – da rede ich von, da war ich 10. Ich hatte irgendwie jemanden gesehen auf der Bühne mit einer Gitarre, der gesungen hat, und die Mädels haben geschrien. Und ich hab gesagt: „Hey, das will ich auch.“ Also dann habe ich versucht, Gitarre zu spielen und das hat auch ganz gut funktioniert. Ich habe eine Band gegründet – einer meiner Klassenkameraden hat Schlagzeug gespielt, der andere hat sich einen Bass gekauft, und dann habe ich gesungen und Gitarre gespielt. Wir haben die Gruppe „Defender“ genannt.
Reza Mehman:
Zur Einordnung, wie alt warst du dann gerade?
Toni L.:
Da war ich dann 12, 13, sowas.
Ja, und dann kam aber Hip-Hop in mein Leben und es kam über den Tanz, übers Breaken – und das hat mich fasziniert. Und dann, dadurch dass meine Eltern sich geschieden haben, ich bei meiner Mutter aufgewachsen bin, die alleinerziehend war und Krankenschwester – Schichtdienst, Nachtwache – war ich ziemlich lange und oft auf mich alleine gestellt. Die Musik hat mir immer den Halt gegeben.
Dann hat meine Mutter noch mal geheiratet – und da hab ich einen afroamerikanischen Bonusvater bekommen. Sein Name war John. Und dadurch kam auch der ganze Funk, Soul, Rap, Jazz, Blues zu uns nach Hause. Auf einmal war ich, sozusagen, von einem italo-deutschen Haushalt in einen amerikanisch-deutschen Haushalt geraten. Das hat mich sehr geprägt, musikalisch, weil James Brown, Rick James, Barry White, alles was ich auch beim Funk-Joker-Sound-Song aufzähle – das habe ich aufgesaugt ohne Ende. Diesen Beat, diesen Groove.
Und dann kamen auch automatisch alles was gut war: Curtis Blow, Houdini, Grandmaster Flash and The Furious Five, Sugar Hill Gang – all diese Geschichten, die damals Anfang der 80er aufkamen. Da hat man noch nicht so gedacht, „OK, das ist jetzt Hip-Hop, das ist Funk“ – das wurde einfach alles gefeiert, was einen Groove hatte. Und dann hab ich mich mit dem Groove angefreundet. Mein Gitarrespielen hat sich auch geändert – nicht mehr die Beatles oder Rolling Stones, auf einmal hast du ein Riff gespielt, so ein funky Riff. Dieser Rhythmus hat mich geflasht. Und bevor ich dann weiter Musik gemacht hab, bin ich erstmal zu Hip-Hop gekommen, indem ich Tänzer wurde.
Reza Mehman:
Darf ich kurz fragen: Du hast Bonusvater gesagt – das klingt super schön positiv. Hättest du vielleicht gar nicht diesen Hip-Hop-Weg eingeschlagen, wenn das nicht gewesen wäre?
Toni L.:
Das kann ich so nicht sagen, weil alles so passiert ist, wie es passiert ist, und es sind so viele Faktoren, die da eine Rolle gespielt haben. Mein italienischer Vater hat mich natürlich musikalisch auch geprägt – er hat auch immer Musik geliebt, Kultur, Kunst, hat gezeichnet, ist ein Künstler, Lebenskünstler auch immer gewesen. Er hat mir beigebracht, das Leben so zu genießen, wie es kommt, und was Neues daraus zu machen.
Dann kommt noch dazu, dass ich auf der IGH war, der Internationalen Gesamtschule Heidelberg. Wir waren dort ein richtig bunter Haufen – da wurde viel gebreakt, gemalt, getanzt. Ich hatte Einflüsse wie Gonzalo Maldonado, später bekannt als G-One und Kane im Graffiti und Tanz und Rap – Mitgründer von Advanced Chemistry, der mit seinem Bruder und seiner Schwester damals in die Gesamtschule kam, aus England, und im Hip-Hop schon sehr weit war. Eine inspirierende Figur.
Dann war ich mit Linguist, mit Kofi Jagpo, der zu mir in die Grundschule kam – der war eine Zeit lang in Ghana in der Schule, dann kam er zu mir in die Klasse, wir saßen nebeneinander und wurden beste Freunde.
Reza Mehman:
Also Linguist tatsächlich von Advanced Chemistry?
Toni L.:
Linguist von Advanced Chemistry – in der vierten Klasse. Und dann waren wir sehr, sehr eng zusammen und haben die Musik, den Funk, gefeiert. Er wusste, dass bei mir zu Hause durch John diese Schatzkammer an Schallplatten war – was natürlich was Besonderes war. Wir konnten uns eigentlich so nicht wirklich Schallplatten leisten, das war ein sehr teures Hobby. Und ich war sehr beschenkt, dass ich mich da habe bedienen können und Musik hören können ohne Ende. Genau – mit Kofi zusammen haben wir dann Funk-Tapes aufgenommen und Tanzroutinen einstudiert.
Torch, der Schlüsselmoment und 40 Jahre Freundschaft
Reza Mehman:
Wann ist Torch in dein Leben gekommen?
Toni L.:
Er war auch in der Grundschule, aber eine Klasse unter uns. Und in der Grundschule spielst du als Viertklässler nicht mit den Drittklässlern. Aber Kofi, also Linguist, und Torchs Familie waren schon eng verbunden, befreundet, die kannten sich ziemlich gut. Ich glaube, ich bin mit Torch so richtig 84 rum zusammengekommen. Da haben wir dann zueinander gefunden und ich bin auf seine Partys eingeladen worden – diese spektakulären und legendären Hahn-Partys. Immer wenn dort jemand Geburtstag hatte, wurde extrem gefeiert. Durch seine Mum, Natascha, und den haitianischen Einfluss.
Ich hab auch einen Song gemacht, „Party 84“ – das ist die Hommage an diese Party in der Hauptstraße 84. Und ich denke, 84 war so ein magisches Jahr. Da war ich 14, 15. Also, ich bin Baujahr 69 – wie die Postleitzahl Heidelbergs.
Torch hat aufgelegt, er war schon früh DJ und hat eben auch die Musik gespielt, die es so nirgendwo in der Form gab. Bei mir zu Hause lief Funk, Soul, Blues, Jazz, Rap – aber diese haitianische Musik, das Karibische, das war Hahn-Party. Das war noch mal ein spezieller Einfluss, auch kulinarisch. Das Essen, was es da gab – haitianischer Reis. Das durfte ich da alles essen und verstehen lernen. Das war eine besondere Zeit, weil alle Generationen dort in dieser Altstadt-200-Quadratmeter-Wohnung gefeiert haben und zusammengekommen sind. Sowohl die Oma als auch Enkel und Urenkel quasi. Und da war im wahrsten Sinne des Wortes immer eine offene Tür. Du konntest dort immer klingeln und es wurde nie gefragt, was willst du denn jetzt hier? Es hieß: Komm rein, willst du was essen?
Und was inspirierend war bei Frederik ist, dass er – so groß sein Ego auch ist – in mir etwas gesehen hat, was mir vielleicht gar nicht so bewusst war. Er hat meine Skills rausgekitzelt. Ich war eher so der introvertierte Typ und Torch und Linguist, die Extrovertierten, die sich hinstellen und es genossen haben, im Rampenlicht zu stehen. Und ich hab es genossen, eigentlich hinten zu chillen und die mal machen zu lassen. Aber wenn ich ans Mikrofon gekommen bin, dann wusste ich: Dann gibt es Feuer. Dann hab ich das Feuer rausgelassen – und das hat mir Kraft gegeben und daran bin ich gewachsen, nicht nur als Künstler, auch als Mensch.
Und das Tolle ist, dass er mich bis heute immer begleitet hat und meinen Rücken gestärkt hat – sowohl auf der Bühne als auch hinter der Bühne als Freund. Das weiß ich sehr zu schätzen. Und gerade jetzt, wenn man so lange diesen Weg zusammen gegangen ist, noch mal mehr, ne? Es ist etwas sehr Wertvolles, wo man sieht: OK, der ist in meinem Leben immer an meiner Seite gewesen.
Reza Mehman:
Was hat Torch an Skills in dir gesehen, die du selber nicht gesehen hast? Und musstest du davon überzeugt werden, dass du diesen Skill hast, oder hast du das dann selbst für dich sofort gecheckt?
Toni L.:
Ich glaube schon, das hatte ich schon davor – als normaler Bandleader von Defender war ich als Sänger schon soweit, dass ich gedacht hab: OK, ich muss auf die Bühne. Allerdings – den Style, den ich dann kreiert habe für mich, der war so besonders, dass Frederik das in mir auf jeden Fall gesehen und geschätzt hat.
Ich hab die erste Aufnahme überhaupt gemacht – die war magisch. Das war so der Startpunkt, wo ich gemerkt hab: OK, ich bin ein MC, ich bin ein Rapper. Sein Zimmer war vollgesprüht – wie im Film „Wildstyle“. Der Dunst der Sprühdose war omnipräsent. Mikrofon aufgebaut, er hat ein Instrumental reingehauen – und dann hat er die erste Rapaufnahme ever von mir aufgenommen. Ich glaube, es muss 85 gewesen sein. Er hat es aufgenommen mit den banalsten Mitteln – ein Kassettenrekorder, ein Beat über Schallplatte und dann Stimme noch dazu. Fertig.
Und das war so der magische Moment. Die Art und Weise, wie er um mich herum getanzt hat, während ich gerappt hab – das war eine Freude. Wie er mir gezeigt hat, wie er glücklich war. Der hat dieses Glück mit mir so geteilt und mich so gepusht, dass mir das auch wiederum eine Energie gegeben hat, wo ich gedacht habe: OK, krass, das ist eine Energie, das ist Hip-Hop. Hip-Hop lebt ja davon, dass du mit deiner Crew, mit deinen Leuten etwas kreierst und was Besonderes machst. Und da haben wir gespürt: Das gehört zusammen.
Reza Mehman:
Denkst du, auch ohne Torch hättest du diese Karriere eingeschlagen?
Toni L.:
Ich glaube, ohne Torch hätte ich es nicht so lange durchgehalten. Wir sind jetzt von 85 bis 25 – das sind 40 Jahre. Und wenn du überlegst, 40 Jahre aktiv zu bleiben, das ist crazy. Das hätte mir damals auch – hätte mir das jemand gesagt, hätte ich gesagt: No way.
Es gab viele Höhen – aber die Menschen kriegen immer nur die Höhen mit. Die Tiefen, durch die du gehst, wenn man zweifelt, einfach nicht weiter weiß oder an sich zweifelt – dann ist es schön, jemanden an der Seite zu haben, der sagt: „Hey, ich bin auch da und guck mal, was ich alles durchmache, und wir schaffen das.“ Und das war immer so ein Teamwork.
Ich denke, dass ich ihm auch viel gegeben hab, immer. Das sind diese Sachen, die hinter der Kamera passieren. Es geht nicht um die Platten oder Videos, die wir zusammen rausgebracht haben – es geht um die Zwischenzeiten, die wahrscheinlich wichtiger und persönlicher sind als die Zeit, wenn Showtime ist. Da hat sich immer wieder bestätigt, dass es mir gut getan hat, wenn er an der Seite war und an mich geglaubt hat. Und da denke ich schon, dass ohne ihn mein Weg anders verlaufen wäre – musikalisch.
Skills, Style und die eigene Identität entdecken
Reza Mehman:
Was glaubst du, sind deine Skills? Was sind deine Fähigkeiten, die besonders herausragend waren, und wie hast du diese weiterentwickelt?
Toni L.:
Also, wenn man es von musikalischer Seite betrachtet – die Rapskills. Da war ich immer sehr, im wahrsten Sinne, advanced, weil ich Wortspiele schon gemacht habe, Reimtechniken entwickelt habe mit Doppelreimen in einer Zeit, als es so in der Form noch keiner gemacht hat. Das war komplett neu.
Das hat er gesehen – und natürlich auch, dass ich ein großer Verfechter und Fan vom Funk bin, und dass ich immer daran geglaubt habe, dass man die deutsche Sprache funky, mit einem funky Rhythm, transportieren kann.
Dann hat er natürlich auch meine Autofahrskills gesehen. Ich glaube, keiner ist zu der Zeit so viele Hip-Hop-Kilometer gefahren wie ich – und Torch hat keinen Führerschein. Also erübrigte sich die Frage, er hat gesehen: Ey, der Mann kann fahren. Gut, dann kann ich kochen, ich hab Kochskills. Toni, jetzt merk ich erst, wie er mich ausgebeutet hat – ich hab ihn bekocht, ich hab ihn überall hingefahren, dann hab ich ihm noch einen eingerappt.
Nein, das ist natürlich Spaß, aber wir haben uns immer sehr gut ergänzt. Ich wollte nie der Typ sein, der die Fackel trägt und vorgeht. Das ist ja Torch – das ist eine schillernde Figur. Und ich genieße es auch, dass er das macht, und profitiere davon. Andererseits profitiert er von meinen Skills, indem ich eben Dinge anders sehe, manchmal der Typ bin, der die Sachen anders regelt. Ich bin ein ganz anderes Wesen, auch ein ganz anderer Charakter – und ich glaub, deswegen funktioniert es auch.
Reza Mehman:
Gibt es was, was die Leute in dir gesehen haben, wo du sagst: Nee, das ist es nicht? Irgendeine Message, die sie rausgehört zu haben meinen, irgendeine Fähigkeit, wo du sagst: Damit kann ich mich nicht identifizieren?
Toni L.:
Ich weiß nicht, was die Leute von einem erwarten. Ich weiß nur, dass viele Leute noch heute zu mir kommen und mir erzählen, dass ich sie geprägt hätte oder auf ihrem Weg in einer bestimmten Phase ihres Lebens geholfen hätte – Entscheidungen zu treffen, Orientierung zu finden oder ein Bewusstsein zu entwickeln für eine bestimmte Situation im Leben, in der Politik, in der Gesellschaft. Und das ehrt und freut mich natürlich sehr.
Ich denke, im Hip-Hop leidet man eher an Selbstüberschätzung, als dass man denkt, „das bin ich nicht“. Du probierst ja alles aus. Wenn ich jetzt daran denke, dass ich bei „Alte Schule 93“ der Hardcore-Gladiator war – das ist schon eine Figur, bei der du dir einen bestimmten Typen vorstellst, der vielleicht nicht so aussieht wie ich. Aber ich bin der Hardcore-Gladiator, weil wer hat schon so ein Durchhaltevermögen, bis heute am Start zu sein und in der Arena gegen alles, was um dich herum passiert: Generationswechsel, Beef, Disrespekt. Leute wollen übernehmen und dich auslöschen. Medien berichten über dich, dann berichten sie nicht mehr über dich, dann sagen sie, Hip-Hop ist tot – das heißt, du existierst auf einmal nicht mehr in ihren Augen.
Und da denke ich, ist es wahr: Ich bin der Hardcore-Gladiator bis heute. Da bleibe ich auch, weil ich in der Arena überlebt habe bis jetzt.
Dann bin ich der Koch – den hab ich ja auch gelernt. Ich war der Erste von uns in der Crew, der nicht mehr zu Hause gelebt hat, der für sein Leben selbst sorgen musste, die Miete zahlen musste und in der Küche gearbeitet hat als Koch.
Und am Ende der Funk Joker – das ist für mich eigentlich, wo ich angekommen bin. Ich sage, ich bin der Funk Joker, weil die ganzen Titel in diesem Joker drin sind. Und ich glaube, jeder oder jede, die mir begegnet sind im Leben, die mich kennen, die wissen, dass ich so bin, wie ich bin – und mich nie oder nicht wirklich als etwas Besseres gehalten habe. Also ich kann allen Leuten, denen ich vor 20 oder 30 Jahren begegnet bin, noch heute genauso begegnen.
Epochen, Identität und persönliches Wachstum
Reza Mehman:
Wie passiert diese Transition von einer Epoche zur nächsten? Wie hast du gemerkt, es ist jetzt Zeit, die Epoche zu ändern, vielleicht eine Identität abzulegen, eine neue anzueignen?
Toni L.:
Go with the flow. Es ist einfach passiert in der Entwicklung. Ich hab mir das nicht ausgedacht. Wenn man sich vorstellt, 93 – „Hardcore Gladiator“ – da haben wir Hip-Hop schon verteidigt gegen das große Medien- und Industriemonster. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen, den du nicht wirklich gewinnen kannst. Aber du kannst zumindest deine Position beziehen und sagen, wo du stehst, wer du bist.
Die Leute haben nicht mehr die Graffiti-Maler gesehen, sie haben nur noch die Rapper gesehen – oder nicht mehr den Tanz, der für mich auch eine große Rolle spielt, weil ich denke: Ein guter Rapper ist jemand, der mit den Worten tanzt, der die Worte zum Tanzen bringt. Für mich gehören diese Elemente bis heute zusammen, auch wenn das vielleicht eine veraltete romantische Sichtweise ist. Aber dieser kulturelle Teil war für mich immer ausschlaggebend. Das ist immer die Basis gewesen für Hip-Hop, so wie ich ihn lebe und verstehe.
Ich habe nie versucht, mich neu zu erfinden, aber ich bin immer besser geworden in dem, was ich liebe – sowohl in der Musik, im Rap, auch als Mensch durch die ganzen Erfahrungen. Du siehst viele Dinge heute, wenn du so reflektierst und zurückblickst – was vielleicht super lief, was wo du heute drüber lachst. Das gehört dazu, sich weiterzuentwickeln.
Die größte Herausforderung im Leben ist genau die, dass man sich selber immer besser kennenlernt. Umso besser man sich selbst kennt und seine Schwächen und Stärken gut einschätzen kann – was man lieber anderen überlässt und wo man weiß: Das, da bin ich der Richtige – das kann helfen im Leben, dass es sich besser anfühlt, da voranzukommen.
Disrespekt, Gelassenheit und die Kraft der Bühne
Reza Mehman:
Du hast vorhin Disrespect gesagt, dass dir das widerfahren ist. Hast du da konkrete Beispiele?
Toni L.:
Naja, jeder, der die Hip-Hop-Geschichte kennt, weiß – es gab so viele Phasen. Die Entstehungsphase in den 80ern – da gab es nichts. Die kleine Szene hat sich zusammengetan und ein Netzwerk aufgebaut. Und ich möchte klar und deutlich sagen, dass wir nicht die einzigen waren, die da aktiv waren. Das waren sehr viele Menschen über die Grenzen hinaus. Hip-Hop ist international.
Und natürlich kommen immer wieder Phasen des Generationswechsels. Es kommt eine neue Generation, die möchte es erst mal anders machen als du. Die möchte ihre eigene Geschichte schreiben, nicht im Schatten anderer historischer Figuren stehen. Das ist verständlich, das ist normal. Und da wirst du dann teilweise vielleicht nicht respektiert oder übersehen – weil die Leute denken, du würdest sie nicht respektieren, oder sie mögen deinen Rapstil nicht. Ich möchte auch gar nicht von allen gemocht werden. Es muss jeder seinen Weg finden.
Reza Mehman:
Wie gehst du mit sowas um? Ich hab den Eindruck, Torch ist so einer, der eher mit dem Kopf durch die Wand geht. Du bist eher der ruhigere, gesetztere Typ. Wie gehst du mit Disrespekt um?
Toni L.:
Na ja, die Leute denken – oder wenn jemand sich so disrespektvoll verhält – dann ist es einfach für mich okay, weil ich denke: Wenn er das so empfindet, das ist eine Emotion, die kann ich jetzt nicht ändern. Ich sage immer: Leben, leben lassen. Und wenn derjenige oder diejenige meint, weil ich cool bleibe, dass es eine Schwäche ist, der hat sich richtig getäuscht.
Ich steh einfach drüber und ich sehe viel mehr als die Leute denken – die denken, ich krieg das nicht mit oder ich check es nicht, aber ich seh es genau. Aber ich hab meine Formel auch gefunden: Ich mache nur noch das, wo ich aufgehe, wo ich blühe, wo ich Glücksmomente habe im Leben. Ich halte mich mit Negativem nicht mehr auf. Ich lass mich darauf auch nicht mehr ein. Ich schütze mich davor. Denn wenn ich darauf eingehe und explodiere, reagiere und das Ding hochspiele – da hab ich schon viele Erlebnisse gehabt.
Die Leute haben nur Klischees im Kopf. Die wissen nicht, wie man aufgewachsen ist, was man erlebt hat, was man gesehen hat, auch als Kind – und wie man sich hat verteidigen müssen. Die unterschätzen einen immer. Aber ich hab kein Problem damit. Ich genieß das eher – ich kann entspannt bleiben. Sollen sie mich unterschätzen, ist OK.
Reza Mehman:
Wie ist es bei dir mit dem Unterschätztwerden? Ich hab das Gefühl, ich muss mich dann mehr zeigen, damit die Leute mich nicht unterschätzen.
Toni L.:
Ich hab ja meine Momente, wo ich dann auf der Bühne scheine. Das ist mein Ventil, da lass ich es raus. Ich glaube, wer mich dann live erlebt hat, der weiß Bescheid. Also mehr brauch ich dann auch nicht.
Das ist die Art und Weise, wie ich dann bestimmte Dinge rauslasse und auch negative Energie in positive umwandle. Das ist für mich das magische Ding im Hip-Hop – und ich glaub, das ist auch die Formel für viele Menschen da draußen, die im Hip-Hop diese Kraft gefunden haben, negative Erlebnisse oder Geschehnisse da zu verarbeiten und rauszulassen auf eine kreative Art und Weise.
Wenn ich zum Beispiel jetzt in der Arbeit, die ich heute mache, mit vielen jungen Menschen zusammenkomme und Hip-Hop-Workshops gebe – dann sehe ich in vielen Kids auch mich selbst und die leuchtenden Augen und wie sie auf einmal etwas in sich entdecken, was sie gar nicht vermutet hätten. Wenn man diesen Moment dann mitbekommt, wo sie über sich selbst hinauswachsen und größer werden, dann weiß man: Man hat das Richtige gemacht.
Wachstum, Solo-Karriere und das Überleben auf der Bühne
Reza Mehman:
Gab es so Schlüsselmomente bei dir, wo du sagst: Daran bin ich jetzt wirklich gewachsen?
Toni L.:
Ultra wichtig. Ich war ja immer bei Advanced Chemistry eingebettet in der Band. Richtig gewachsen bin ich, als ich Soloartist wurde. Also: Alleine auf die Bühne gehen und eine ganze Show spielen, ohne Backup, nur mit DJ – 2 Stunden by yourself, alles rocken und die Menge zum Toben bringen. Da wächst du. Ein MC werden – Master of Ceremony – die Leute entertainen. Ohne dass an der Seite ein Torch rein grölt und die Stimmung übernimmt, oder ein Linguist.
Da hab ich gemerkt: OK, ich hab es drauf. Ich brauch sie natürlich in meinem Leben, aber ich brauch sie nicht, um eine Show zu spielen.
Und woran ich auch noch gesehen hab, dass ich gewachsen bin: Ich bin zum Beispiel Host, ein Moderator – ein Hardcore-Moderator. Du kannst mich auf jede Bühne stellen, egal welches Publikum, ich mach da irgendwas draus. Ich hab gelernt, alleine auf der Bühne zu überleben, in welcher Situation, mit welchem Publikum auch immer. Und von Auftritt zu Auftritt wächst du, weil jede Location anders ist, jedes Publikum anders und das Datum anders. Das Leichteste ist es ja, wenn du irgendwo auftrittst, wo dich alle kennen und Fans sind. Aber was passiert, wenn du irgendwo auftrittst, wo dich keiner kennt? Wie holst du die Leute ab? Diese Prozesse, die habe ich hinter mir – und bin von Show zu Show, von Event zu Event gewachsen.
Reza Mehman:
Was würdest du grundsätzlich jemandem empfehlen, der sich stucked fühlt im Leben – 2 Kids, Job, Haus und Hof?
Toni L.:
Ich glaube, jemand, der schon so viel hinter sich hat, braucht vielleicht nicht so viele Tipps von mir, weil er selbst schon dahin gekommen ist. Er hat eine Familie, er hat Kinder, er hat ein Zuhause – er hat trotzdem was erreicht.
Ich kann generell sagen: In vielen Phasen meines Lebens hat mir geholfen, geduldig zu sein, nichts übers Knie zu brechen und zu glauben, dass es jetzt vorbei ist oder so. Manchmal muss man auch Dinge ruhen lassen und dann kommt der richtige Moment, die richtige Begegnung – und dann leuchtet die Flamme wieder auf.
Und ich glaube auch, dass man sich darauf konzentrieren sollte, was man schon alles erreicht hat – und nicht darauf, was man nicht erreicht hat. Den Status quo erstmal wertschätzen. Und: Den eigenen Erfolg selbst definieren. Ist es ein Statussymbol, was du brauchst? Ist es wirklich das Auto, was dich ausmacht? Bist du jetzt ein schlechterer Mensch, weil du kein 100.000-Euro-Auto fährst? Man muss sich überlegen: Worauf legt man den Fokus?
Was ist Erfolg für Toni L.?
Reza Mehman:
Was ist denn Erfolg für Toni L., also den Hip-Hopper?
Toni L.:
Das machen zu dürfen, was man liebt – und das so zu machen, dass man auch noch davon leben kann und dass man glücklich ist.
Mein Erfolg liegt darin, dass ich überhaupt an dieser Geschichtsschreibung teilnehmen durfte. Dass ich diese verschiedenen Epochen miterleben durfte, von Ende der 70er, Anfang der 80er bis heute – die musikalische Entwicklung, alles live miterlebt zu haben und auch ein Teil davon, auch wenn ein kleiner Teil, geprägt zu haben. Das ist schon etwas, wo ich sehr glücklich bin.
Was auch viele vielleicht missverstehen: Ich wollte nie ein großer Superstar sein. Ich wollte nicht, dass mir die Leute einfach so hinterherrennen auf der Straße – das wäre mir zu viel. Da bin ich ganz glücklich, so wie es ist.
Ich bin aber auch so drauf, dass ich mir weitere Ziele setze und die verfolge und die Geschichte weiter schreiben möchte. Allein schon, die Menschen, die ich durch Hip-Hop getroffen habe in meinem Leben – ich grüße alle da draußen, die mir begegnet sind. Ihr wisst, wie ihr heißt. Und dafür bin ich, wie mein Track schon gesagt hat: dankbar.
UNESCO-Kulturerbe und das Freie Hip-Hop-Institut Heidelberg
Reza Mehman:
Du warst maßgeblich daran beteiligt, dass Heidelberg und der Hip-Hop in Heidelberg von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet worden ist. Ist es etwas, was du als ein Vermächtnis siehst?
Toni L.:
Absolut. Torch, also Frederik Hahn, und Brian Witt und ich – wir haben das Freie Hip-Hop-Institut gegründet, kann man auch unter freieshiphopinstitut.de checken.
Da geht es natürlich auch um das kulturelle Erbe – was ja ein Vermächtnis ist. Hip-Hop ist heute in aller Munde, es wird vermarktet, es ist ein Produkt. Aber es ist nicht nur ein Produkt, es ist auch ein Kulturgut. Die Manager und Wirtschaftsleute in der Industrie kümmern sich ums Produkt – da geht es um Zahlen, Verkaufszahlen, Klickzahlen. Aber was passiert mit dem Kulturgut, mit dem kulturellen Erbe? Und deswegen haben wir das Institut gegründet. Da geht es um kulturelle Bildung, um Forschung und um Archivierung.
Frederik Hahn hat ja seine Sammlung ans Stadtarchiv übergeben, schon vor mehreren Jahren. Und da arbeiten wir dran, dieses Hip-Hop-Archiv zu vergrößern mit Archivalien anderer Protagonistinnen und Protagonisten, die vielleicht nicht sofort einem in den Kopf kommen. Weil es geht hier nicht um Berühmtheit, es geht darum, auch die Geschichte zu zeigen: Wer hat wen geprägt, die ganze Inspiration. Da gab es so viele Figuren, die eine Rolle gespielt haben. Wir haben die Vision, das Mosaik zu vervollständigen, dass das später ein Bild transportiert werden kann, was der Geschichte gerecht wird.
Heute gibt es viele Hip-Hop-Expertinnen, Experten, alle machen Podcasts, alle wissen es besser und jeder hat eine Meinung. Ist auch gut. Aber nicht alles basiert auf Fakten. Und ein Archiv erzählt die Geschichte durch die Sammlungen und Archivalien – bestimmte Geräte, Merchandise, Aufnahmen von früher, Poster. Die erzählen schon eine Geschichte für sich.
Ich hab kürzlich jemanden getroffen – sein Name sei hier nicht genannt. Er ist ein Hip-Hop-Fan und Mixtape-Plattensammler, war Schiffskoch und hatte mal einen Off-Day in Puerto Rico. Er hat ein Geschäft entdeckt, einen Antiquitätenhandel, und sich da ein Mixtape von Tony Touch gekauft. Und dann hat er den älteren Herrn, der den Laden führte, gefragt: „Hey, wie kommen Sie dazu, dieses Mixtape von Tony Touch zu verkaufen?“ Und der so: „Ja, ich bin sein Vater.“ Das finde ich so toll. So ein Mixtape – das stellst du hin und hast eine Geschichte dazu, eine Story. Und das ist für mich das, was Hip-Hop am Ende ausmacht.
Unsere Vision ist es, etwas Lebendiges zu schaffen. Archiv klingt so tot – als würde nur noch archiviert, als würde da nichts mehr passieren. Aber was unsere Vision ist: etwas Lebendiges zu schaffen, das die Geschichte Heidelbergs, was Hip-Hop angeht, gesehen und erlebt werden kann und dass diese Geschichte auch weiter wächst.
Es geht nicht darum, nur zurückzublicken und zu denken, was alles Tolles passiert ist. Ich muss sagen: Viele denken, die Alten denken, es wäre alles besser gewesen, aber dem ist nicht so. Es war vieles viel schwieriger als heute. Heute können wir ein Video drehen, laden es hoch und theoretisch sieht es die ganze Welt. Die Möglichkeiten, die jetzt da sind, sind natürlich besonders. Ich glaube, dass man die Geschichte erzählen sollte – damit auch viele verstehen, warum etwas existiert, und dass es nicht alles selbstverständlich ist.
Hip-Hop als Heilmittel, kultureller Austausch und die Angst in der Gesellschaft
Reza Mehman:
Kultureller Austausch ist extrem wichtig, da bin ich 100% bei dir. Am Anfang dieses Jahres hatten wir ja diese Aufdeckung von Correctiv, dass da Gedankengut herrscht – Remigration von Deutschen mit Migrationshintergrund. Mich persönlich trifft das gar nicht so sehr, wenn ich ehrlich bin. Was mich mehr trifft, ist, dass damit eigentlich meine Kinder gemeint sind.
Toni L.:
Ja, in den Krisen, in denen wir uns jetzt befinden, die Ängste, die die Menschen haben – da braucht es Möglichkeiten und Ventile, die einen auffangen oder Perspektiven bieten. Und ich glaube, dass Hip-Hop ein wichtiges Instrument ist, ein Heilmittel, um auch jungen Menschen – sowohl jungen als auch Älteren – zu helfen, da durchzukommen und sich gegenseitig zu respektieren.
Kultureller Austausch ist die absolute lebensnotwendige Basis von allem. Wenn es das nicht gibt, kommen wir nicht mehr zusammen. Es gibt Leute, die bewusst bestimmte Sachen in deinen Kopf einpflanzen – und durch die sozialen Medien sind die Möglichkeiten noch viel größer potenziert, dich zu catchen. Und am Ende denkst du: OK, der hat so viele Likes und so viele Follower, muss ja stimmen. Das ist die Gefahr.
Wenn du jetzt den Rechtsruck siehst, wie das wieder alles aufkocht und der Rassismus wiederbelebt und alle befeuert – es ist eine verrückte Welt. Du denkst dir: Haben die nicht aufgepasst, was hier alles abging? Und jetzt sind wir wieder da angelangt. Da muss jeder in seinem Umfeld alles dafür tun, damit sich bestimmte Dinge nicht wiederholen.
Hip-Hop kann viel dazu beitragen, um die Welt etwas besser zu machen. Wenn du so ausgeglichen und konzentriert auf dich selbst bist und weißt, was du alles kannst, dann musst du dem Hass gar keine Möglichkeit geben, aufzukommen. Du musst dahin gehen, dass du selbst zufrieden bist, dass du etwas findest, wo du aufblühen kannst. Und ich glaube, da liegt ein Kern des Problems: Viele Menschen wissen nicht, wo sie ihr Glück finden können.
Reza Mehman:
Wie findet man denn sein Glück?
Toni L.:
Indem man eine Leidenschaft hat für etwas.
Reza Mehman:
Wie finde ich meine Leidenschaft?
Toni L.:
Indem du mehrere Sachen ausprobierst, wo du vielleicht gar nicht denkst, dass sie zu dir passen würden. Mach es einfach. Ich glaub: Einfach machen, nicht immer Angst haben. Die Angst dominiert unsere Gesellschaft.
Reza Mehman:
Wo kommt die Angst her?
Toni L.:
Die Angst wird geschürt, die wird gemacht, die wird – würd ich sagen – künstlich produziert. Jetzt feuerst du aber hier – jetzt möchtest du, dass ich hier alle philosophischen Grundfragen beantworte.
Ja, die Leute haben ja Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird. Und ich glaube, die Angst wird dadurch genommen, wenn kultureller Austausch stattfindet.
Leidenschaft, Tiefphasen und die Formel für 40 Jahre
Reza Mehman:
Du machst jetzt seit fast 40 Jahren Hip-Hop. Gab es Momente in deiner Hip-Hop-Karriere, wo du das Gefühl hattest, die Flamme ist ein bisschen kleiner geworden? Und: Wie schafft man es überhaupt, 40 Jahre lang für eine Sache zu begeistern?
Toni L.:
Es gibt – man muss ehrlich sein – Phasen, wo du zweifelst. Es gab natürlich diese Phase, wo Hip-Hop von Berlin übernommen wurde und die Sprache sich geändert hat. Ich hab meine Sprache immer bewusst gewählt – Conscious Rap. Ich sag immer: Von der Peace-Zeichen-Generation zur Mittelfinger-Generation. Aber der Mittelfinger gehört auch dazu. Und dann denkst du dir: OK, kann ich denen jetzt noch irgendwas erzählen? Wenn ich nicht bestimmte Begriffe verwende, hören die mir erst gar nicht zu. Macht es dann noch Sinn, weiter zu rappen?
Und irgendwann hab ich den Entschluss gefasst: OK, ich bin der Gleiche, ich mach weiter, ich lass mir von niemandem meine Geschichte wegnehmen.
Aufhören ist ein großes Wort. Ab wann hört man auf? In der Hip-Hop-Kultur habe ich nie aufgehört, aktiv zu sein, auf welcher Ebene auch immer. Und ich glaub, das ist auch ein guter Tipp für alle, die zweifeln: Mach dein Ding, mach weiter, glaube an dich.
Reza Mehman:
Wie schaffst du es in Tiefphasen, Motivationstief?
Toni L.:
Ich bin, wie gesagt, ein Familienmensch. Ich hab eine Frau, die mir den Rücken stärkt und an mich glaubt. Die jetzt gar nicht so auf Hip-Hop ist, aber die versteht, dass es was Besonderes ist, was ich mache – und die das respektiert und unterstützt. Das ist mein großes Glück. Meine Kinder geben mir Kraft.
Reza Mehman:
Wann hört man auf, und wann sollte man trotzdem am Ball bleiben?
Toni L.:
Ich bin kein Therapeut. Aber: Du spürst, ob es einen Weg gibt. Solange du noch einen Weg siehst, versuche diesen Weg zu gehen. Und wenn du keine Kraft mehr hast und es dir nur schadet, dann musst du dich davon lösen. Das sind die 2 Optionen meiner Meinung nach.
Und wenn du über eine Beziehung redest – Beziehung ist immer mehr als man denkt. Wenn die Schmetterlinge im Bauch weggeflogen sind, muss man was dafür machen. Das ist nicht immer leicht. Es ist kein Selbstläufer. Es ist ein Geben und Nehmen.
Introversion, Authentizität und Kochen als Metapher
Reza Mehman:
Du hast vorhin gemeint, du bist eigentlich ein introvertierter Mensch. Ist es dann trotzdem authentisch, auf die Bühne zu gehen?
Toni L.:
Ja, unbedingt. Ich glaube, dass introvertierte Menschen – man sagt ja: Stille Wasser sind tief. Da liegt sehr viel Wahrheit drin, weil die Stillen oft nicht gehört werden. Und die sollen mutiger werden, rausgehen und aus der Tiefe sprechen.
Es tut mir auch gut auf jeden Fall, dass ich es geschafft habe, für mich eine Bühne zu finden im wahrsten Sinne des Wortes – wo ich alles, was in meiner Tiefe brodelt, rauslassen kann. Und da eine Möglichkeit zu finden, ein Ventil zu finden, wo du es kommunizieren kannst, das ist ein großer Gewinn für jeden Menschen, der kreativ ist und sich Gedanken über die Welt macht.
Reza Mehman:
Du hattest mir beiläufig erzählt, dass du Parallelen zwischen Kochen und Hip-Hop siehst. Kannst du kurz darauf eingehen?
Toni L.:
Das sehe ich nicht jetzt erst so. Das ist mir schon Ende der 80er aufgefallen – 86 bis 89 hab ich Koch gelernt. Ich wusste, als ich Koch wurde, dass ich etwas Kreatives machen möchte.
Kreativität – Kochen ist Kreativität. Und dann: Diese ganzen verschiedenen Elemente, die Gewürze, die Komponenten. Du musst das zusammenspielen, die Chemie muss stimmen, dass du am Ende etwas zauberst, was das Gericht ausmacht. Und das ist genauso ähnlich, eigentlich gleich, bei der Zusammenstellung eines Songs. Da müssen die Komponenten auch passen. Wenn du kochst, brauchst du auch einen Rhythmus. Du brauchst Leidenschaft, du brauchst Kreativität. Und das Tolle ist am Ende: Das Resultat teilst du mit anderen. Das ist in der Musik so und das ist beim Kochen so.
Wenn du selbst etwas kreieren kannst, wirst du zu einer Art Schöpfer von etwas, was ohne dich nicht so entstanden wäre.
3 Tipps an das jüngere Ich und die finale Frage
Reza Mehman:
Stell dir vor, du könntest deinem jüngeren Ich 3 Tipps geben. Welche 3 Dinge wären das?
Toni L.:
Bleib entspannt, es wird alles gut. Du schaffst es und du wirst viele schöne, glückliche Momente erleben. Ich glaube, ich würde einfach nur sagen: Glaub an dich. Und mehr braucht es nicht.
Reza Mehman:
Wenn jetzt jemand dir online folgen möchte, wo kann er das am besten tun?
Toni L.:
Instagram: Real_Tony_L. Da könnt ihr mir folgen. Und ansonsten auf der Website: www.freieshiphopinstitut.de – da stehen alle Informationen über alles, was ich gerade aktuell mache. Mit Frederik Hahn und Brian Witt zusammen versuche ich gerade etwas aufzubauen, was langfristig in der Zukunft bestehen und vielen Menschen helfen soll.
Reza Mehman:
Dann zu meiner finalen Frage, die ich jedem Gast stelle: Welches Mindset, welche Geisteshaltung hatte den größten Einfluss auf dein Leben?
Toni L.:
Also, ich kann sagen – welcher Mensch mich beeindruckt hat und weil ich das sehr verfolgt habe in den Achtzigern: Nelson Mandela. Er möge in Frieden ruhen. Von ihm habe ich sehr viel gelernt, was Haltung angeht. In solchen Situationen, in der er sich befunden hat, wie er damit umgegangen ist – das finde ich sehr beeindruckend. Wenn jemand 27 Jahre eingesperrt war – das ist unvorstellbar.
Dann möchte ich noch auf einen Poeten verweisen aus Chile: Pablo Neruda. Er sagte – ich weiß nicht, ob es der genaue Wortlaut ist: „Ein Kind, das nicht spielt, ist kein Kind.“ Und ich finde: Dort, wo spielende Kinder sind, dort ist das Glück. Ich habe immer versucht, das Kind in mir spielen zu lassen – bis heute.
Das ist das, was mir wichtig ist. Und ich glaube, dass wir alle – gerade diejenigen, die Hip-Hop lieben und machen – dieses Kind in einem selbst am Leben halten sollten. Das macht die Welt besser.
Reza Mehman:
Mega. Toni, 1000 Dank für deine Zeit. Es hat Spaß gemacht und ich hatte sehr viel mitnehmen können.
Toni L.:
Vielen Dank dir auch.




