Folge 173: Völkerrecht vs. Menschenrechte: Warum der Iran alles infrage stellt

Reza Mehman und Karsten Kammholz über den Konflikt zwischen staatlicher Souveränität und dem Schutz der Menschen im Iran.


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Einleitung

Völkerrecht und Menschenrechte stehen im Fall Iran in einem fundamentalen Spannungsverhältnis. In dieser Podcastfolge diskutieren Reza Mehman und Karsten Kammholz, warum das iranische Regime alle grundlegenden Menschenrechte bricht und wie die internationale Gemeinschaft damit umgehen sollte. Das Gespräch zeigt, wie emotional und kontrovers die Debatte um Völkerrecht versus Menschenrechte geführt wird, gerade unter Exil-Iranern und in deutschen Online-Kommentarspalten. Beide kommen zu dem Schluss, dass das Völkerrecht dringend reformiert werden muss, wenn es Regime schützt, die systematisch Menschenrechte verletzen. Die Frage, ob militärische Eingriffe wie die Angriffe der USA und Israels auf iranische Infrastruktur gerechtfertigt sind, wird dabei ebenso offen besprochen wie die fehlende Strategie hinter diesen Angriffen.


Zusammenfassung

1-Satz-Version: Reza Mehman und Karsten Kammholz argumentieren, dass Menschenrechte im Fall Iran Vorrang vor dem Völkerrecht haben müssen, und fordern eine Reform des internationalen Rechtsrahmens.

3-Satz-Version: Das iranische Regime bricht systematisch alle grundlegenden Menschenrechte: Recht auf Leben, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Schutz vor Folter und Gleichheit vor dem Gesetz. Trotzdem berufen sich viele Kritiker auf das Völkerrecht, um militärische Eingriffe gegen das Regime abzulehnen. Reza Mehman und Karsten Kammholz sehen darin einen Widerspruch und fordern eine Neudefinition des Völkerrechts.

5-Satz-Version: In dieser Podcastfolge diskutieren Reza Mehman und Karsten Kammholz den Konflikt zwischen Völkerrecht und Menschenrechten am Beispiel Iran. Das iranische Regime verletzt systematisch alle fünf zentralen Menschenrechte der Vereinten Nationen, von Folter über die Unterdrückung von Frauen bis zur Tötung politischer Gegner. Dennoch wird in der öffentlichen Debatte, besonders in Deutschland, häufig das Völkerrecht als Argument gegen militärische Eingriffe angeführt. Die Blockade im UN-Sicherheitsrat durch Russland und China verhindert zudem jede völkerrechtlich legitimierte Intervention. Beide Gesprächspartner plädieren für eine Reform des Völkerrechts, die den Schutz von Menschen in menschenunwürdigen Verhältnissen ermöglicht.


Kontext: Wer, Was, Warum

Wer spricht: Reza Mehman, Podcaster und gebürtiger Iraner mit deutscher Staatsangehörigkeit, spricht mit Karsten Kammholz, Journalist und regelmässiger Gesprächspartner im Podcast.

Worum geht es: Die Frage, ob das Völkerrecht Regime schützen darf, die systematisch Menschenrechte brechen, und ob militärische Eingriffe im Iran moralisch und rechtlich gerechtfertigt sein können.

Warum ist das relevant: Nach den Angriffen der USA und Israels auf iranische Infrastruktur ist die Debatte um Völkerrecht versus Menschenrechte hochaktuell. Die Reaktionen in sozialen Medien zeigen, wie gespalten die Meinungen sind.

Drei Kernfragen:

  1. Warum stehen Völkerrecht und Menschenrechte im Fall Iran in einem unauflösbaren Konflikt?
  2. Wie bewerten Exil-Iraner und die deutsche Öffentlichkeit die Angriffe auf das iranische Regime unterschiedlich?
  3. Braucht das Völkerrecht eine Reform, die humanitäre Interventionen besser ermöglicht?

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung – Überblick über das Gespräch und seine Relevanz
  2. Zusammenfassung – Das Wichtigste in drei Versionen
  3. Kontext – Wer spricht und warum das Thema wichtig ist
  4. Themen und Einordnung – Die zentralen Themenbereiche des Gesprächs
  5. Kern-Aussagen – Die wichtigsten Positionen auf einen Blick
  6. Häufig gestellte Fragen – Fragen und Antworten zum Thema
  7. Highlight-Zitate – Die stärksten Aussagen aus dem Gespräch
  8. Das vollständige Gespräch – Aufbereitetes Transkript mit Zwischenüberschriften
  9. Keywords – Relevante Suchbegriffe
  10. Namen und Begriffe – Verzeichnis aller wichtigen Begriffe und Personen
  11. Zitierfähige Passage – Kompakter Absatz zum Zitieren

Themen und Einordnung

1. Völkerrecht und seine Grenzen

Die UN-Charta von 1945 garantiert staatliche Souveränität und das Gewaltverbot. Doch was passiert, wenn ein Staat diese Ordnung missbraucht, um Menschenrechtsverletzungen zu legitimieren?

Keywords: Völkerrecht, UN-Charta, Souveränität, Gewaltverbot

2. Menschenrechte im Iran

Das iranische Regime verletzt systematisch alle zentralen Menschenrechte. Die Folgen treffen Frauen, politische Gefangene und die gesamte Zivilbevölkerung.

Keywords: Menschenrechte Iran, Folter Iran, Frauenrechte Iran, politische Gefangene

3. Die Rolle der USA und Israels

Die Angriffe auf iranische Infrastruktur werden von vielen Exil-Iranern als Hilfe gesehen. Gleichzeitig fehlt eine klare Strategie für einen Regime Change.

Keywords: USA Iran, Israel Iran, Regime Change Iran, Präventivschlag

4. Die deutsche Debatte

In Deutschland wird die Völkerrechtsfrage besonders intensiv diskutiert. Politiker, insbesondere aus der SPD, betonen das Völkerrecht, während Betroffene den Schutz der Menschenrechte fordern.

Keywords: SPD Völkerrecht, deutsche Iranpolitik, Online-Debatte

5. Online-Diskussionskultur

Die Qualität der Debatte in sozialen Medien leidet unter Anonymität und Polemik. Sachliche Diskussionen finden eher im persönlichen Austausch statt.

Keywords: Online-Debatte, Kommentarkultur, Social Media Diskussion


Kern-Aussagen

  • Das iranische Regime bricht alle fünf zentralen Menschenrechte der Vereinten Nationen: Recht auf Leben, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Schutz vor Folter und Gleichheit vor dem Gesetz.
  • Viele Exil-Iraner sehen die Angriffe der USA und Israels auf iranische Infrastruktur als dringend benötigte Hilfe für die Bevölkerung vor Ort.
  • Die Berufung auf das Völkerrecht erscheint widersprüchlich, wenn es ein Regime schützt, das systematisch Menschenrechte verletzt.
  • Der UN-Sicherheitsrat kann im Fall Iran nicht handeln, weil Russland und China als Verbündete des Regimes jede Resolution blockieren.
  • Russlands Präsident Putin kritisiert die Angriffe auf den Iran als Völkerrechtsbruch, obwohl Russland selbst seit Jahren die Ukraine bombardiert.
  • Israel hat die Angriffe als Präventivschlag begründet, was völkerrechtlich nur bei unmittelbar bevorstehender Bedrohung zulässig ist.
  • Das Völkerrecht muss nach Ansicht beider Gesprächspartner reformiert werden, um die Befreiung von Menschen aus menschenunwürdigen Verhältnissen zu ermöglichen.
  • Trotz der Angriffe ist bisher kein Regime Change im Iran absehbar, und die Bevölkerung traut sich noch nicht auf die Strasse.
  • Die Diskussion in sozialen Medien ist stark polarisiert und wird durch Anonymität und fehlende Sachlichkeit erschwert.
  • Auch Nordkorea zeigt, dass Völkerrecht allein Menschen in totalitären Systemen nicht schützt.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Völkerrecht und Menschenrechten?

Das Völkerrecht regelt die Beziehungen zwischen Staaten und basiert auf der UN-Charta von 1945. Es schützt staatliche Souveränität, verbietet Gewalt zwischen Staaten und garantiert territoriale Integrität. Menschenrechte hingegen schützen das Individuum und umfassen unter anderem das Recht auf Leben, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Schutz vor Folter und Gleichheit vor dem Gesetz.

Warum ist die Debatte Völkerrecht versus Menschenrechte beim Iran so relevant?

Das iranische Regime bricht systematisch alle grundlegenden Menschenrechte. Gleichzeitig schützt das Völkerrecht die Souveränität des Iran. Wenn die USA oder Israel militärisch eingreifen, verletzen sie formal das Völkerrecht, handeln aber im Sinne der Menschenrechte. Dieser Widerspruch macht die Debatte so brisant.

Welche Menschenrechte verletzt das iranische Regime?

Das iranische Regime verletzt alle fünf zentralen Menschenrechte: das Recht auf Leben (Massentötungen), die Meinungsfreiheit (Verbot von Protesten), die Religionsfreiheit, den Schutz vor Folter (insbesondere politische Gefangene) und die Gleichheit vor dem Gesetz (systematische Diskriminierung von Frauen).

Warum kann der UN-Sicherheitsrat nicht gegen den Iran handeln?

Ein militärisches Eingreifen nach Völkerrecht bedarf der Zustimmung des UN-Sicherheitsrates. Russland und China sind jedoch Verbündete und Geschäftspartner des iranischen Regimes und blockieren jede Resolution. Dadurch ist eine völkerrechtlich legitimierte Intervention praktisch unmöglich.

Wie sehen Exil-Iraner die Angriffe auf den Iran?

Viele Exil-Iraner sehen die Angriffe der USA und Israels als Hilfe für die iranische Bevölkerung. Ihnen ist bewusst, dass die USA nicht aus Nächstenliebe handeln, aber sie hoffen auf einen Sturz des Regimes und ein Ende der Unterdrückung ihrer Familien und Freunde vor Ort.

Muss das Völkerrecht reformiert werden?

Laut Reza Mehman und Karsten Kammholz besteht dringender Reformbedarf. Das Völkerrecht müsse neu definieren, was in Fällen wie dem Iran erlaubt sein sollte. Die Befreiung von Menschen aus menschenunwürdigen Verhältnissen müsse völkerrechtlich stärker verankert werden.

Hat Israel die Angriffe auf den Iran völkerrechtlich begründet?

Israel hat mit dem Argument des Präventivschlags argumentiert. Völkerrechtlich ist ein Präventivschlag jedoch nur erlaubt, wenn ein Angriff der anderen Seite unmittelbar bevorsteht. Diese Argumentation ist nachvollziehbar, hat aber rechtliche Schwächen.

Gibt es einen Regime Change im Iran?

Trotz der Angriffe ist bisher kein Regime Change absehbar. Die Bevölkerung traut sich noch nicht auf die Strasse, und nach dem Tod von Ali Khamenei ist bereits ein Nachfolger an der Macht. Es gibt Kritik daran, dass die Amerikaner den Angriff ohne klare Strategie gestartet haben.


Highlight-Zitate

„Wie moralisch hochstehend ist man, wenn man ein Völkerrecht einklagt, das diejenigen schützt, die Menschenrechte missachten?“Kommentator, zitiert von Reza Mehman

„Wenn ich sehe, dass die USA und Israel Infrastruktur des Regimes angreifen, sehe ich das als Hilfe für die Iraner vor Ort.“Reza Mehman

„Denn Menschen aus menschenunwürdigen Verhältnissen zu befreien, ist das nicht völkerrechtlich total wichtig?“Karsten Kammholz

„Ich glaub, wir müssen das Völkerrecht jetzt mal noch mal neu definieren.“Karsten Kammholz

„Also wie absurd ist das, dass du 4 Jahre lang ein anderes Land bombardierst und dann sagst, das was im Iran passiert, ist aber völkerrechtlich nicht in Ordnung.“Reza Mehman über Putins Kritik

„Gleichheit vor dem Gesetz, ich glaub, darüber können die iranischen Frauen ein Lied singen.“Reza Mehman

„Momentan gibt es noch keinen Effekt und das ist auch besorgniserregend, dass die Amerikaner eigentlich ohne tatsächliche Idee diesen Angriff gestartet haben.“Karsten Kammholz


Das vollständige Gespräch

Einstieg: Die Community-Reaktionen auf die Iran-Folge

Reza Mehman:

Karsten, ich hab vor kurzem eine Podcastfolge über den Iran rausgebracht, da hab ich das Thema Völkerrecht versus Menschenrecht angesprochen und du glaubst nicht, was für Kommentare da gekommen sind. Müssen wir jetzt nicht im Detail eingehen, aber mich würde interessieren, wie du das Thema Völkerrecht versus Menschenrecht siehst.

Ich möchte es nämlich auch ganz kurz definiert haben und bevor ich das tue, will ich auch ein Zitat von einem Kommentator vorlesen, der aus meiner Sicht das Ganze wirklich super auf den Punkt gebracht hat. Also, ich hab dem Kommentator sogar geschrieben: Herzlichen Dank für deinen Kommentar, wirklich, das hast du, das war für mich mind blowing, das so zu lesen.

Er hat geschrieben: „Wie moralisch hochstehend ist man, wenn man ein Völkerrecht einklagt, das diejenigen schützt, die Menschenrechte missachten? Völkerrecht versus Menschenrechte, da entscheiden sich einige sehr schnell.“

Die persönliche Perspektive als gebürtiger Iraner

Für mich als Iraner, als gebürtiger Iraner, ich bin Deutscher und ich bin Iraner. Aber für mich als gebürtiger Iraner ist es wichtig, dass das Regime gestürzt wird. Die Menschen leiden. Wir telefonieren mit unseren Familien, Freunden, Verwandten, die leiden.

Und ich sehe, um das mal runter zu brechen, auch in ganz einfachen Worten: Ich sehe, wenn USA und Israel Infrastruktur des Regimes angreifen, sehe ich das als Hilfe für die Iraner vor Ort. Ich hab das im Podcast auch gesagt. Mir ist vollkommen bewusst, dass die USA das nicht aus Nächstenliebe zu den Iranern machen. Mir ist es vollkommen bewusst, dass sie ihre eigenen Gründe haben. Die wollen jetzt nicht bei uns kostenlos Safran-Reis mit Juji-Kebab und Kubiday bekommen. Das ist mir vollkommen bewusst.

Ich frag mich auch, wenn ich die ganzen Kommentare lese: Du weisst doch gar nicht, was die Amerikaner wollen. Ja, ich weiss. Keiner weiss, was sie wollen. Aber sie bringen zumindest das Regime eventuell zum Sturz.

Karsten Kammholz:

Wie waren die denn gewichtet, die Kommentare? Also waren es mehrheitlich Leute, die gesagt haben, Völkerrecht spielt in diesem Fall gar keine Rolle, oder gab es eher diejenigen, die gesagt haben: Moment mal, das können die Amis und die Israelis doch nicht machen, das Völkerrecht ist doch gebrochen worden?

Reza Mehman:

Ja, sie waren tatsächlich sehr unterschiedlich. Also viele haben sich auf das Völkerrecht berufen. Ich hab den Eindruck gehabt, native Iraner, native Exil-Iraner waren eher für das Thema Menschenrechte und Völkerrecht ist ja völlig egal. Nach den Namen zu urteilen, eher vielleicht deutschstämmige Menschen, soweit man es aus den Usernamen herauslesen konnte, waren eher: „Hey, Völkerrecht ist wichtig, aber wir verstehen, warum die Iraner möchten, dass er angegriffen wird.“ Also, es war sehr unterschiedlich. Viele haben die Diskussion auch direkt auf Israel bezogen und da ihren Hate abgelassen, darauf möchte ich jetzt nicht unbedingt eingehen.

Definition: Völkerrecht und Menschenrechte

Also, es war sehr unterschiedlich. Ich hab auch in der entsprechenden Folge kurz definiert, dass wir auch alle wissen, wovon wir sprechen. Also, Völkerrecht ist ja nicht ein einzelnes Gesetzbuch, sondern es besteht aus mehreren Quellen. Ich geh ganz kurz drauf ein. Die wichtigste Grundlage ist die United Nations Charta von 1945, da drin steht: Staatliche Souveränität, Gewaltverbot zwischen den Staaten, territoriale Integrität und Selbstbestimmungsrecht der Völker. Alles klar, hab ich verstanden. Nach 1945 wurde das gemacht. Wir wissen, was 1945 in Deutschland war.

Dann aber, und dieser Kommentar, den ich wirklich sehr gut fand: Wie moralisch hochstehend ist man, wenn man ein Völkerrecht einklagt, das diejenigen schützt, die Menschenrechte missachten. Das ist natürlich die Frage. Dann ist natürlich die Frage, was sind Menschenrechte?

Menschenrechte wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von der United Nations verabschiedet. Sie enthalten grundlegende Rechte, ich les ganz kurz mal die fünf vor: Recht auf Leben, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Schutz vor Folter, Gleichheit vor dem Gesetz.

Menschenrechtsverletzungen im Iran

Alle diese fünf Rechte wurden von dem iranischen Regime komplett gebrochen und zwar nicht nur ein bisschen, sondern krass gebrochen. Recht auf Leben: Wie viele Zehntausende Tote waren es in drei Tagen? Meinungsfreiheit: Geh mal bitte auf eine iranische Strasse und protestier mal da gegen die Regierung. Religionsfreiheit: Ja, wer ruft von morgens bis abends „Tod Israel, Tod für Israel, Tod für Amerika“? Schutz vor Folter: Da können einige bestimmt sehr laut drüber lachen, die sich in iranischen Gefängnissen gerade als politische Inhaftierte befinden. Gleichheit vor dem Gesetz: Ich glaub, darüber können die iranischen Frauen ein Lied singen.

Also alle Menschenrechte werden konkret und ziemlich krass gebrochen und da greift jemand an, wie die USA zum Beispiel. Und das erste, was die allermeisten hier sagen: Moment mal, das Völkerrecht! Also das geht mir nicht in den Kopf rein, dass dann Völkerrecht über grundlegendes Menschenrecht und von den fünf, die ich vorhin genannt hab, Recht auf Leben. Also wenn wir das hier nicht mehr haben, dann ist das ja ein Witz. Du siehst, ich werd da emotional.

Karsten Kammholz:

Das ist und ich kann es total verstehen, weil man beim Thema Iran es ja kommen sah und sich geradezu gewünscht hat, dass die iranische Bevölkerung endlich befreit wird und die Moral einem gesagt hat, das Menschenrecht ist höherwertig als das Völkerrecht und lasst uns menschenrechtlich agieren.

Und deswegen gab es geradezu eine Erleichterung bei ganz vielen, auch eine gewisse Zustimmung natürlich, dass es dann dieses Bombardement von den Israelis und von den Amerikanern gab.

Israels Argumentation: Präventivschlag

Die Israelis haben tatsächlich sogar völkerrechtlich argumentiert. Präventivschlag. Die haben gesagt, Präventivschlag ist bisschen heikel, weil so ein Präventivschlag völkerrechtlich betrachtet nur dann quasi erlaubt ist, wenn du wirklich kurz vor einem Angriff der anderen Seite stehst. Gut, dieser Angriff, der war jetzt erstmal nicht so absehbar. Wir wussten, die Iraner bauen an der Atombombe und es gab im letzten Jahr Raketen aus dem Iran Richtung Israel. Also das ist alles bekannt. Insofern ist diese Argumentation nachvollziehbar, aber sie hat auch ihre Schwächen, muss man einfach ganz klar sagen.

Reform des Völkerrechts

Ich finde diese Völkerrechtsdebatte momentan auch schräg, dass sie geführt wird von Politikern. Auch von Theoretikern, kann ich wiederum verstehen. Aber ich fände es sinnvoll, wenn wir jetzt mal sagen würden: Ich glaub, wir müssen das Völkerrecht jetzt mal noch mal neu definieren. Wir müssen noch mal neu definieren, was wir eigentlich in so einem Fall wie Iran im Völkerrecht doch uns erlauben sollten. Denn Menschen aus menschenunwürdigen Verhältnissen zu befreien, ist das nicht völkerrechtlich total wichtig?

Reza Mehman:

Sehr schön gesagt, sehr schön gesagt und ich sehe da absolut Reformbedarf bei dem Thema Völkerrecht. Ich hab mir auch angeschaut, wann man nach UN-Charta denn zum Beispiel völkerrechtlich eingreifen darf. Das bedarf der Zustimmung des Sicherheitsrates und dort drin ist Russland und da ist China drin.

Putins absurde Kritik

Und ein Zitat muss ich dir unbedingt vorlesen und zwar vom russischen Präsidenten. Also, was ich damit sagen möchte, ist natürlich kriegen wir da keine Zustimmung im Sicherheitsrat, weil Russland, China ganz gross im Geschäft sind mit dem Mullah-Regime. Und Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Tötung des iranischen Religionsführers Ali Khamenei als einen zynischen Verstoss gegen alle Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts kritisiert.

Karsten Kammholz:

Das sagt der Richtige.

Reza Mehman:

Also, wie absurd ist das, dass du vier Jahre lang ein anderes Land bombardierst und dann sagst, das was im Iran passiert, ist aber völkerrechtlich nicht in Ordnung.

Karsten Kammholz:

Ja, ja, aber das ist Putin.

Die SPD und die Völkerrechtsdebatte

Ich frag mich natürlich, warum ziehen manche Politiker, insbesondere die SPD, dieses Thema Völkerrecht gerade so gross? Welche anderen Ängste schwingen da möglicherweise mit? Auch die Fragestellung, was machen die USA möglicherweise noch abseits des Völkerrechts? Ich meine, Maduro aus Venezuela haben sie ja auch rausgeholt, ohne die UN vorher anzurufen, haben sie auch einfach gemacht. Kannst du auch mit dem Völkerrecht kommen, kamen ja auch manche.

Aber wo geht es dann weiter? Ich glaube, das ist die Frage, weshalb dieses Völkerrechtsthema gerade doch etwas grösser diskutiert wird. Gehst du dann vielleicht auch nach Nordkorea? Ich meine, würden wir uns nicht auch wünschen, dass die Nordkoreaner endlich befreit werden?

Reza Mehman:

Ja, da geb ich dir vollkommen recht. Eben, und leider bin ich da tatsächlich jetzt gerade in dem Thema leider fälschlicherweise ignorant. Ich weiss gar nicht, also was genau in Nordkorea gerade vor sich geht. Ich weiss natürlich…

Nordkorea: Ein abgeschotteter Terrorstaat

Karsten Kammholz:

Der Staat ist komplett abgeschottet, wir sollen es nicht wissen. Also dort werden Jugendliche vom Staat umgebracht, wenn sie durch irgendwelche Raubkopien in die Hand von Netflix-Serien wie Squid Game kommen, die ja aus Südkorea kommen. Also sowas erfährt man über Umwege. Du erfährst ja wirklich nur in kleinteiligsten Aspekten, was für ein Terror in diesem Land gegenüber der Bevölkerung herrscht.

Reza Mehman:

Auch eine Katastrophe und genau in diesem Kontext hat ein Kommentator geschrieben: Ja, hätte Iran die Atombombe genauso wie Nordkorea, dann wären sie auch nicht angegriffen worden. Glaubst du das auch?

Karsten Kammholz:

Das ist eine gute Frage. Das kann sein. Also das kann tatsächlich sein. Das ist immer eine Frage der Abwägung.

Regime Change: Wo stehen wir?

Und was man jetzt ja gerade sieht, der Angriff folgte ja doch relativ unkoordiniert. Also momentan ist nicht absehbar, wie lange jetzt noch diese Angriffe kommen und was jetzt erstmal passiert ist, ist folgendes: Khamenei ist tot, aber der nächste Khamenei ist da. Also was ist denn jetzt eigentlich, seitdem es diese Angriffe gibt, in den letzten zwei Wochen passiert? Haben wir einen Regime Change?

Reza Mehman:

Noch lange nicht.

Karsten Kammholz:

Traut sich die Bevölkerung jetzt auf die Strasse? Nein. Also momentan gibt es noch keinen Effekt und das ist auch besorgniserregend, dass die Amerikaner eigentlich ohne tatsächliche Idee diesen Angriff gestartet haben.

Reza Mehman:

Du sagst es, ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Ich hab es auch im letzten Podcast schon gesagt, also wo ich alleine über das Thema gesprochen hab: Ich bin kein Iranexperte, ich bin gebürtiger Iraner, aber kein Iranexperte und auf einmal finden sich ganz viele Iranexperten, zumindest auf YouTube und Podcast und so weiter, ganz viele und alle haben ihre Meinung.

Debattenkultur: Online versus Real Life

Und ich werd dann auch angegriffen, wenn ich zum Beispiel sage: Hey, ich glaube, die iranische Bevölkerung braucht gerade Unterstützung. Also dann wird mir vorgeworfen: Ja, aber diese Mädchenschule und so weiter, was da passiert ist, das ist fürchterlich, natürlich. Aber jemandem vorzuwerfen, es berührt mich jetzt zwar nicht, aber ich find den Gedankengang interessant, zum Beispiel mir vorzuwerfen, als ob mir das egal wär oder 1000 anderen Iranern, die Familie, Freunde und so weiter dort haben. Nee, das ist nicht egal.

Also ich find aber interessant, auf welcher Ebene momentan Iraner, nicht Iraner untereinander diskutieren. Auch mit, du kannst auch davon ausgehen, 20, 30 Prozent spricht sofort natürlich auch auf das Thema Palästina an, was natürlich auch fürchterlich ist. Also man kann ja für eine Sache sein und gleichzeitig sagen, das ist auch fürchterlich, was da passiert. Ich find, wir verlernen manchmal so die Art und Weise, wie wir miteinander diskutieren. Ich bin happy, dass im Real Life relativ normal diskutiert wird, aber online, das ist noch mal eine ganz andere Ebene, ist so mein Eindruck.

Karsten Kammholz:

Das ist so und wir haben dadurch, dass wir bei YouTube erscheinen und dort auf dem Portal keine Klarnamenpflicht gilt, haben wir es mit Idiot X. Y. 123 zu tun, die dann darunter kommentieren und du kannst nichts machen. Ja, und da herrscht halt absolute Narrenfreiheit, also auch Idiotenfreiheit.

Reza Mehman:

Gut, aber vielen Dank erstmal für deine Einschätzung. Mir war tatsächlich auch wichtig zu verstehen, wie du das Thema eigentlich Völkerrecht versus Menschenrecht siehst. Danke dir, Karsten.

Karsten Kammholz:

Sehr gern, Reza.


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Namen und Begriffe

Reza Mehman, Karsten Kammholz, Ali Khamenei, Wladimir Putin, Nicolás Maduro, Iran, Nordkorea, Israel, USA, Venezuela, Palästina, Ukraine, Südkorea, United Nations, UN-Charta (1945), UN-Sicherheitsrat, Völkerrecht, Menschenrechte, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Mullah-Regime, Präventivschlag, Regime Change, Atombombe, SPD, Squid Game, YouTube


Zitierfähige Passage

In der Debatte um Völkerrecht versus Menschenrechte zeigt der Fall Iran einen fundamentalen Widerspruch.
Das iranische Regime bricht systematisch alle zentralen Menschenrechte, doch das Völkerrecht schützt seine Souveränität.
Exil-Iraner empfinden die Angriffe der USA und Israels als dringend benötigte Hilfe für die leidende Bevölkerung.
Podcaster Reza Mehman und Journalist Karsten Kammholz fordern deshalb eine Reform des Völkerrechts, die den Schutz von Menschen über den Schutz von Regimen stellt.
Solange der UN-Sicherheitsrat durch Russland und China blockiert wird, bleibt eine völkerrechtlich legitimierte Intervention unmöglich.


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