Dinner im Schloss 2023: Panel 1 – Nachhaltigkeit im Sport und im Sportsponsoring

„Dinner im Schloss“ ist ein exklusives Veranstaltungsformat von Reza Mehman, bei dem Entscheiderinnen und Entscheider aus unterschiedlichen Bereichen in entspannter Atmosphäre über die großen Themen unserer Zeit sprechen. Im Mittelpunkt der Ausgabe 2023 stand die Frage, wie Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Nachhaltigkeit aufgestellt ist.

In drei Panel-Diskussionen wurden verschiedene Perspektiven beleuchtet. Dieser Artikel fasst das erste Panel zusammen, in dem es um Nachhaltigkeit im Sport und im Sportsponsoring ging.

Die Speaker im Panel

Die Diskussionsrunde brachte vier ganz unterschiedliche Perspektiven zusammen:

  • Dr. Holger Blask – Geschäftsführer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Er vertrat die Sicht eines Dachverbands mit über sieben Millionen Mitgliedern und rund 24.500 Vereinen.
  • Jennifer Kettemann – Geschäftsführerin der Rhein-Neckar-Löwen. Sie zeigte, wie ein Handball-Bundesligist mit einem kleinen Team von 15 Mitarbeitenden Nachhaltigkeit pragmatisch umsetzt.
  • Lars Lamade – Head of Global Sponsorships bei SAP. Er brachte die Perspektive eines globalen Technologieunternehmens ein, das über Sponsoring im Sport engagiert ist.
  • Prof. Dr. Jan Mayer – Geschäftsführer der TSG 1899 Hoffenheim. Er erklärte, warum Talententwicklung ein nachhaltiges Geschäftsmodell ist und wie der Club eigene Klimaziele verfolgt.

Moderiert wurde das Panel von Reza Mehman.

Nachhaltigkeit beim DFB: Strukturen, Satzung und die EM 2024

Dr. Holger Blask machte deutlich, dass der DFB auf vielen Ebenen gleichzeitig aktiv ist. Von den Nationalmannschaften über eigene Wettbewerbe wie den DFB-Pokal bis hin zu den Landes- und Regionalverbänden reicht der Einfluss. Bereits in Paragraph 4 der DFB-Satzung sind Nachhaltigkeitskriterien verankert, etwa ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen.

Für den Profifußball hat der DFB Zulassungsverfahren mit Nachhaltigkeitsanforderungen eingeführt, beispielsweise für die Dritte Liga und die Frauen-Bundesliga. Bei den Amateurvereinen setzt der Verband eher auf Motivation und zeigt auf, welche Ressourcen Clubs heben können, wenn sie Prozesse effizienter gestalten.

Ein konkretes Zukunftsthema: die Europameisterschaft 2024 in Deutschland. Die gute Nachricht ist, dass alle Stadien bereits stehen und im Regelspielbetrieb sind. Die größte Herausforderung beim CO2-Fußabdruck eines solchen Turniers ist laut Blask jedoch nicht die Infrastruktur, sondern die Anreise der Fans, sowohl national als auch international.

„Wir spielen nicht Fußball, um die Umwelt zu schonen. Sondern wir versuchen, so ressourceneffizient wie möglich Fußball umzusetzen.“

Darüber hinaus betonte Blask, dass der DFB auch eine Verantwortung im Bereich Governance sieht. Fußball dient als Wertevermittlungssystem, und entsprechend müssen interne Strukturen und Führung vorbildlich sein.

Rhein-Neckar-Löwen: Pragmatische Nachhaltigkeit im Handball

Jennifer Kettemann beschrieb einen erfrischend bodenständigen Ansatz. Die Rhein-Neckar-Löwen haben nicht mit einer großen CO2-Bilanz angefangen, sondern mit den Dingen, die offensichtlich waren und sofort umsetzbar.

Klatschpappen abgeschafft: 11 Tonnen Restmüll eingespart

Eines der eindrücklichsten Beispiele: Die Abschaffung der Klatschpappen in der Halle. Diese faltbaren Pappen mit Sponsorenwerbung haben eine spezielle B1-Beschichtung und landen nach jedem Spiel im Müll. Hochgerechnet waren das allein elf Tonnen Restmüll pro Saison. Die Löwen entschieden sich, sie komplett wegzulassen, und sind bis heute der einzige Verein in der Liga, der das durchgezogen hat.

„Wir haben das mal hochgerechnet, das sind allein elf Tonnen Restmüll. Da habe ich gesagt: Hey, es hat aber jeder seine Hände.“

Anfangs gab es Widerstand. Fans beschwerten sich, das Heimspielerlebnis gehe verloren, und die sportliche Situation war in dieser Phase ohnehin schwierig. Kettemann hielt trotzdem daran fest.

„Wenn man von etwas überzeugt ist, dann muss man es auch durchboxen.“

Weitere Maßnahmen der Löwen

Über die Klatschpappen hinaus haben die Rhein-Neckar-Löwen weitere Schritte unternommen: LED-Beleuchtung in der Trainingshalle, Wasserspender statt Plastikflaschen im sportlichen Bereich und der Umstieg auf Bahnreisen statt Charterflügen für Auswärtsspiele. Strecken wie Mannheim–Berlin oder Mannheim–Hamburg werden mittlerweile mit der Bahn zurückgelegt.

Besonders am Herzen liegt dem Verein der soziale Aspekt. Die Löwen setzen sich für Vielfalt und gegen Rassismus ein, etwa mit Sondertrikots und Aktionen am „Tag der Vielfalt“. Bei einem Heimspiel liefen einmal nur die deutschen Spieler aufs Feld, bevor die Frage gestellt wurde: Was wäre unser Sport, wenn wir uns auf die Deutschen beschränken?

„Wir sind bunt, wir sind vielfältig, das ist in unserer DNA.“

SAP: Nachhaltigkeit als Faktor im Sportsponsoring

Lars Lamade gab Einblicke, wie ein globaler Technologiekonzern Nachhaltigkeit im Sponsoring bewertet. Eine formale Checkliste gebe es noch nicht, aber Nachhaltigkeit sei mittlerweile ein fester Bestandteil der Bewertung neuer Partnerschaften. Wenn ein potenzieller Partner das Thema komplett ignoriere, wäre das ein Ausschlusskriterium.

„Wenn jetzt ein Partner kommt und sagt, Nachhaltigkeit interessiert ihn nicht, dann wäre das wahrscheinlich ein Ausschlusskriterium.“

Da sich mittlerweile nahezu alle Sportorganisationen mit Nachhaltigkeit beschäftigen, achtet SAP vor allem darauf, wie glaubwürdig das Engagement ist. Die Klatschpappen-Entscheidung der Löwen nannte Lamade als positives Beispiel: Als der Verein die Einstellung begründete, habe SAP sofort zugestimmt, obwohl die Pappen mit dem SAP-Logo ein wirksames Branding-Tool gewesen seien.

Case Study: Die Coldplay-Partnerschaft

Als konkretes Leuchtturmprojekt nannte Lamade die Partnerschaft mit der Band Coldplay. Die Band hatte angekündigt, erst dann wieder auf Welttournee zu gehen, wenn sie diese möglichst nachhaltig gestalten könne. Bei der Analyse zeigte sich, dass nicht die Trucks oder die Band selbst den größten CO2-Fußabdruck verursachen, sondern die Anreise der Fans.

SAP entwickelte daraufhin eine App, über die Konzertbesucher eintragen können, wie sie anreisen. So entstand erstmals Transparenz über den tatsächlichen CO2-Fußabdruck einer Welttournee. Diese datengestützte Lösung war letztlich der Auslöser für die Zusammenarbeit.

TSG Hoffenheim: Talententwicklung als nachhaltiges Geschäftsmodell

Prof. Dr. Jan Mayer lieferte die vielleicht überraschendste Perspektive. Hoffenheim ist ein Dorf mit rund 3.200 Einwohnern, das es seit 15 Jahren in der Ersten Bundesliga schafft. Wie funktioniert das?

Die Antwort: Potentialentfaltung. Der Club entwickelt systematisch Talente und generiert über Transfererlöse die Einnahmen, die über Stadionauslastung, Merchandising oder Reichweite nicht im selben Maß zu erzielen wären. Jan Mayer verglich das Modell mit nachhaltiger Waldwirtschaft: Man rodet nicht den ganzen Wald, sondern identifiziert Zukunftsbäume und pflegt das Ökosystem so, dass junge Bäume nachwachsen können.

„Das Kernkonzept ist eben Potentialentfaltung. Deswegen ist das Modell auch nachhaltig, weil du auf deine Ressourcen achten musst.“

Dieser Ansatz führt zu innovativen Methoden. Wenn ein Trainer sagt, ein Spieler sei „zu langsam im Kopf“, wird nicht einfach ein neuer Spieler geholt, sondern nach Lösungen gesucht. In Hoffenheim werden beispielsweise Computerspiele eingesetzt, um kognitive Geschwindigkeit zu trainieren, inspiriert von Untersuchungen bei Demenzpatienten.

Das Ergebnis: Talente entscheiden sich bewusst für Hoffenheim, obwohl Dortmund, Stuttgart oder München ebenfalls anfragen. Das Entwicklungskonzept ist attraktiver als der Standort.

Race to Zero: Klimaziele der TSG Hoffenheim

Über das sportliche Modell hinaus hat sich die TSG Hoffenheim der internationalen Kampagne Race to Zero angeschlossen. Das bedeutet: Der Club will seinen ökologischen Fußabdruck bis 2030 halbieren. Dieses Ziel geht bewusst über die Anforderungen der DFL-Lizenzierung hinaus.

„Ich will nicht nur etwas tun, was andere mir sagen, sondern ich will selber Vorreiter sein.“

Weitere Nachhaltigkeitsmaßnahmen der TSG umfassen ein zertifiziertes Zero-Waste-Stadion und ein seit neun Jahren stattfindendes Inklusionsturnier.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Panel

Aus der Diskussion lassen sich fünf zentrale Learnings ableiten:

  1. Nachhaltigkeit beginnt oft pragmatisch. Nicht jede Organisation braucht sofort eine CO2-Bilanz. Die Rhein-Neckar-Löwen zeigen, dass sichtbare Alltagsentscheidungen wie der Verzicht auf Klatschpappen ein starkes Signal senden.
  2. Sponsoren schauen genauer hin. Für Unternehmen wie SAP ist Nachhaltigkeit kein Nice-to-have mehr, sondern ein Bewertungskriterium für Partnerschaften. Glaubwürdigkeit ist dabei wichtiger als Perfektion.
  3. Die Anreise ist der größte Hebel. Sowohl bei Großevents wie der EM 2024 als auch bei Konzerttourneen liegt der größte CO2-Fußabdruck nicht in der Infrastruktur, sondern in der Mobilität der Zuschauer.
  4. Nachhaltigkeit ist mehr als Umwelt. Soziale Verantwortung, Vielfalt, Integration, gute Governance und Talententwicklung gehören genauso dazu wie ökologische Maßnahmen.
  5. Eigene Ziele wirken stärker als Auflagen. Wer sich selbst ambitionierte Vorgaben setzt, wie Hoffenheim mit Race to Zero, erzeugt mehr Wirkung als durch reine Compliance getrieben zu werden.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist „Dinner im Schloss“?

Dinner im Schloss ist ein Veranstaltungsformat von Reza Mehman, bei dem Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen in Panel-Diskussionen über aktuelle Zukunftsthemen sprechen. Die Ausgabe 2023 hatte das Überthema Nachhaltigkeit.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit im deutschen Sportsponsoring?

Nachhaltigkeit ist für große Sponsoren wie SAP mittlerweile ein relevanter Faktor bei der Bewertung von Partnerschaften. Zwar ist es nicht das einzige Kriterium, aber ein Partner, der das Thema ignoriert, kommt für eine Zusammenarbeit nicht mehr in Frage.

Was ist die Kampagne „Race to Zero“?

Race to Zero ist eine internationale Kampagne im Rahmen der UN-Klimakonferenzen. Teilnehmende Organisationen verpflichten sich, ihren CO2-Fußabdruck bis 2030 zu halbieren. Die TSG 1899 Hoffenheim gehört zu den Bundesligisten, die sich dieser Kampagne angeschlossen haben.

Wie setzen die Rhein-Neckar-Löwen Nachhaltigkeit um?

Der Handballverein setzt auf pragmatische Maßnahmen: Abschaffung der Klatschpappen (elf Tonnen Müll eingespart), Umstieg auf Bahnreisen, LED-Beleuchtung, Wasserspender statt Plastikflaschen sowie soziale Projekte rund um Vielfalt und Anti-Rassismus.

Was macht das Hoffenheimer Modell besonders nachhaltig?

Die TSG Hoffenheim setzt auf systematische Talententwicklung als wirtschaftliches Kernmodell. Statt teure Spieler einzukaufen, werden junge Talente individuell gefördert und über Transfererlöse refinanziert. Dieses ressourcenorientierte Prinzip erstreckt sich auch auf den Umgang mit Umwelt und Gesellschaft.


Dinner im Schloss 2023 war eine Veranstaltung von Reza Mehman. Mehr Inhalte und kommende Events findest du auf www.dinnerimschloss.de.

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